Das tetraedrische Modell des Menschen als Impuls zum Dialog


Das im MTK-Info 36 vorgestellte tetraedrische Modell des Menschen sollte, wie schon bei der  meditativ-tetraedrischen Kreativitätsübung (siehe MTK-Info 35), nicht als fertiges Modell angesehen werden, sondern als Basisgerüst für die persönliche Auseinandersetzung und für den lebendigen Dia-log mit den verschiedensten Denkansätzen, die sich mit Men-schenbildern und ihren Folgen beschäftigen. Beispielhaft soll hier das vorgestellte Modell zunächst mit den integralen Ideen Ken Wilbers und dann mit Äußerungen Karlfried Graf Dürck-heims, der als einer der ersten Vertreter der europäischen "transpersonalen Psychologie" gilt,  in Zusammenhang ge-bracht werden.

Der oben bereits erwähnte integrale Ansatz Ken Wilbers un-terscheidet vier Aspekte des Bewusstseins und spricht von vier verschiedenen "Quadranten": die innerlich-individuellen, die äußerlich-individuellen, die innerlich-kollektiven und die äußerlich-kollektiven Aspekte des menschlichen Bewusst-seins. Man kann auch von intentionalen, kulturellen, verhal-tensmäßigen und sozialen Dimensionen sprechen, die in allen Kulturen auftauchen. Betrachten wir diese  grundlegendsten Perspektiven des In-der-Welt-Seins (ich, wir, es, und es [plu-ral]) von innen und von außen, so gelangen wir zu acht natür-lichen Hauptperspektiven. Laut Wilber ist eine Welt mit be-wussten Wesen eine Welt, die sich aus Perspektiven zusam-mensetzt.

Man kann diese Wirklichkeitsdimensionen im Doppeltetra-edermodell wiederfinden: Die Basis (kollektiv außen), die drei Seiten des unteren Tetraeders (kollektiv innen), die sich be-rührenden Spitzen (individuell außen) und die Seiten des obe-ren Tetraeders (individuell innen). Die Basis des oberen Tet-raeders ist die Öffnung, die den Zugang zu den transpersonal geistigen Aspekten der Wirklichkeit ermöglicht.

Um die Hauptaspekte der integralen Landkarte Wilbers zu vervollständigen, ist zu erwähnen, dass in Wilbers Theorie sich die Entwicklung des einzelnen Menschen wie auch der Menschheit in „Ebenen oder Stufen“ vollzieht und dies auf  den verschiedensten "Entwicklungslinien", wie etwa der kog-nitiven (z.B. Piaget), der emotionalen (z.B. Goleman), der bedürftigen (z.B. Maslow) usw. Hier sind auch die Teilpersön-lichkeiten anzusiedeln, die in ihrer Vernetzung und Auseinan-dersetzung die Vielfalt des Menschen ausmachen (Seiten des oberen Teils des Doppeltetraeders). Die verschiedenen Typen Wilbers sind in der Mitte des Doppeltetraeders repräsentiert, die "Bewusstseinszustände" (grobstofflich, subtil und kausal) sind Teil der nach oben gedrehten Basis des oberen Tetra-eders.

Die soziale Relevanz seines Ansatzes strebt Ken Wilber durch eine gesellschaftliche Umsetzung seiner Erkenntnisse an, zum Beispiel durch seine Impulse für eine integrale Vision für die Wirtschaft, die Politik oder die Wissenschaft.

Die Initiatische Therapie (das lateinische Wort "initiare" steht für "das Tor zum Geheimen öffnen") von Karlfried Graf Dürckheim versteht sich gleichermaßen als meditativer Ü-bungsweg und als tiefenpsychologische Begleitung, spricht also vor allem den oberen Teil des Doppeltetraeders an sowie die Kette darüber. Dürckheim meint, dass sich  solche initiati-schen Öffnungen in transpersonalen Erfahrungen, in seeli-schen Erkrankungen oder auch in krisenhaften Schicksals-schlägen zeigen. Lebenskrisen  können den Menschen in sei-nem Kern anrühren und eine Wandlung einleiten. Er würde sich dabei mit Grundthemen wie der Angst vor dem Tod, der Trostlosigkeit in der Einsamkeit und der Verzweiflung am Widersinn der Welt auseinandersetzen. Diese Ängste kann man im oberen Tetraeder des vorgestellten Modells ansiedeln, sind sie doch mit den Seelenkräften in Verbindung zu bringen.

Manche Psychologen sprechen von einer vierten Grundangst, nämlich der Angst vor Freiheit. Diese könnte von der vierten Tetraederseite, der oberen Basis dargestellt werden, der Ort wo das Ich angesiedelt ist. Angst vor der Freiheit im Geisti-gen? Angst vor dem Ergreifen der Aufgaben der Inkarnation? Hier könnte man auch von dem "Schatten" reden, ein Begriff aus der Jungianischen Schule, der von der Initiatischen Thera-pie übernommen wurde. Diese vierte Tetraederseite, die sich nach oben zum Geistigen öffnet, ist im positiven Sinne in Dürckheims Worten der verwirklichte Mensch, der  Bürger zweier Welten. Das Ich als Ort des "doppelten Ursprungs" des Menschen, wie ihn Dürckheim beschreibt, der Ort der „Trans-parenz für Transzendenz“. Die Mitte des Doppeltetraeders kann man in Zusammenhang sehen mit der "Erdmitte des Menschen" wie Dürckheim auch das "Hara" nennt, den Bauch, was im Japanischen sowohl eine anatomische wie auch eine existentielle Bedeutung hat. Ist er in diesem Bereich verankert, so ist er gerüstet, seine irdischen sozialen Aufgaben zu übernehmen.