Das Märchen : „ Maach wéi déi Aaner …“


Es war einmal ein kleiner Bub, namens A, der hörte immer « Maach wéi déi Aaner, da geet et der wéi deenen Aaneren ». Er wuchs und wuchs und als er schon etwas älter war, fragte er sich, ob es denn in Luxemburg keine Alternativen gäbe, zu dem was alle tun? Da er oft gehört hatte „Geld regiert die Welt“, wollte er zunächst in diesem Bereich eine Alternative finden. Wo konnte er nicht benötigtes Geld sinnvoll parken? Die Auswahl war gross, keiner wollte Parkgebühren, sondern alle boten Zinsen an ! Immer wieder las er in irreführenden Werbungen die Aussage, dass Geld „wachsen“, „sich vermehren“ oder „für Sie arbeiten“ soll. Er hatte aber kürzlich in dem Buch « Das Geld Syndrom » von Helmut Creutz folgenden Text gelesen : „Mit solchen Anzeigen und Aussagen werden jedoch nur Illusionen geweckt und die Realitäten verschleiert. Denn in Wirklichkeit hat noch niemand arbeitendes Geld gesehen. Arbeit wird immer nur von Menschen geleistet , mit oder ohne Hilfe von Gerätschaften, Einrichtungen und Maschinen... ‚Ohne einen Finger krumm zu machen’ , kann man nur dann zu Geld kommen, wenn dieses Geld einem anderen genommen wird. Und zwar einem, der seine Finger krumm machen oder seinen Kopf anstrengen musste. Das heisst, immer dann, wenn jemand ohne eigene Leistung Geld erhält, ist das einem anderen aus der Tasche gezogen worden. Eine geheimnisvolle dritte Möglichkeit zur Deckung leistungsloser Einkünfte gibt es nicht.“

Menschen die arbeiten, werden also in dem Maße ärmer, wie sich die Erträge aus Geldvermögen, derjenigen die mehr haben als sie verbrauchen, vergrössern.

Diese Art der Betrachtung wird in der Werbung nur allzu gern bedeckt gehalten. Nun erfuhr A, dass  es in Luxemburg ein Alternativ-Sparkonto gäbe, mit weniger Zinsen, mehr Transparenz und ökologischen und sozialen Krediten. Nun staunte A aber nicht schlecht, als er im Alterfinanz-Info, dem Informationsblatt für einen alternativen Umgang mit Geld, von Juli 2001, in dem Artikel über den grünen Kapitalmarkt folgendes las: „...immer mehr Anleger wollen nicht nur wissen, wie, sondern auch, wo ihr Geld arbeitet. Dabei muss man keineswegs auf Rendite verzichten; oft kann man sogar besser abschneiden als der Gesamtmarkt.“ Dass das grüne Geldmäntelchen herhalten muss, um den Leuten das Übliche anzudrehen, fand er beschämend. Kein Wunder, dass er kurz darauf in einer Presseinformation des Fachbereiches « Politik & Wirtschaft » des Institutes für Ökologie las, dass seit Jahren mit dem Umweltschutz Profit gemacht wird, und dass der ursprüngliche und richtige Gegensatz von Profitmaximierung und Umweltschutz verlorengegangen sei.
 
A suchte also nach glaubwürdigeren Alternativen und ging am 15. September zur diesjährigen vom Mouvement Ecologique organisierten Oekomesse. Das Thema war Solarenergie, eine Alternative, die ihm interessant schien.  Er informierte sich im  « Kéisécker »,  mit welchen tollen Argumenten die Leute von der Nützlichkeit der Solarenergie überzeugt werden sollen: „ Das Wasser mit der Sonne aufheizen ist modern“ und „Strom mit der Sonne produzieren ist modern“. Also wieder tolle Informationen für den bewussten Menschen des 21. Jahrhunderts ! Hierauf wollte A am Mittagstisch seinen Hunger stillen. Dass man für natürliche Produkte mehr bezahlen muss als für Massenprodukte, leuchtete ihm ein, dass aber für einen Mittagsteller mit ein paar Körnern und etwas Grünzeug ein Luxuspreis zu zahlen ist, den sich ein Mindestlohnbezieher kaum leisten kann, vor allem da ein Teller seinen Hunger kaum stillen würde, verdarb A letztlich den  Appetit.

Am Nachmittag wollte er der Suche nach Alternativen noch einmal eine Chance geben. Er hatte in der Erklärung zur Lage des Landes in der Tageszeitung gelesen, dass es den Regierungswillen gab, die gesetzlich verankerte Möglichkeit zu schaffen, via Volksinitiative Gesetzesentwürfe einzureichen.  Er fand diese partizipatorische Möglichkeit zur Gestaltung der Zukunft ebenso sinnvoll wie, laut Umfrage, die grosse Mehrheit seiner Landsleute. Da er kürzlich in der Nationalbibliothek die luxemburgische Publikation « Direkt Demokratie, eng Dokumentatioun iwwert d’Aarbecht vun der Biergeraktioun fir direkt Demokratie » aus dem Jahre 96 gelesen hatte, war ihm klar geworden, wie nützlich eine genauere Befassung mit dem Thema sein könnte. Er dachte die Anregung einer Arbeitsgruppe, die sich mit diesem Thema der direkten Demokratie genauer befassen würde, würde im Mouvement Ecologique guten Anklang finden, denn  auf dem Kéiséckerdeckel war zu lesen, dass sich die Vereinigung für ein Mehr an Lebensqualität, Natur- und Umweltschutz und Demokratie einsetzt. Es wurde ausdrücklich um aktive Mitarbeit gebeten. Auf A’s Anfrage bei einem Vorstandsmitglied des Vereines,  wurde ihm gesagt, so direkt würde man das Thema im Mouvement nicht angehen, aber man könnte, ja mal den Präsidenten fragen. Das war A nun wirklich zu demokratisch und er wandte sich ab.

A dachte nun, dass wie in jedem Märchen der dritte Versuch der richtige sein müsste und begab sich am 6. Oktober nach Esch/Alzette, wo das dritte « Fête de la Résistance » mit  Ständen, Filmvorführungen und  Konferenzen stattfand. Es wurde viel über Globalisierung und die negative Rolle der internationalen Konzerne geredet. Verwundert hat A, dass man mit einer Taxe auf Finanzspekulationen den Ärmsten Geld zufliessen lassen will, aber man damit eigentlich keine Alternativen zu den Ursachen des Systems, was die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, anbietet. Noch erstaunter aber war dann A, dass auf der Liste des Getränkestandes an oberster Stelle Softdrinks eines Weltkonzerns angeboten wurden. Er dachte einen gewissen Widerspruch zu finden und sprach darauf hin zunächst einen Vertreter der neuen Linke an, später je einen Vertreter der Organisatoren,  von der Vereinigung ATTAC und der Kulturfabrik. Erstaunlicherweise reagierten alle gleich: Dagegen könnte man nichts tun, war zu hören und schlussendlich gab man dem Wirt von nebenan die Schuld.  Nicht bemerkt zu haben scheinen all diese „Resistenzler“, dass sie mit dieser Projektion der „Schuld“  genau das gleiche tun wie die  „Kapitalisten“, die den Politikern, den „Linken“ oder andern die Schuld an den Weltproblemen zuschieben, die wiederum die „Schuld“ den Unzivilisierten, den Terroristen, den Arbeitsunwilligen oder andern übertragen. Da ist es doch bemerkenswert, dass der „böse“ Weltkonzern die „Alternativen“ gegen ihn und seine Kollegen wettern lässt, aber sie gleichzeitig an seinem Produkt mitverdienen lässt !

Aber es gab gottseidank für A noch einen Trost am Ende des Tages. Einem Jugendlichem, dem er ganz entmutigt seine Erfahrungen erzählte, würde er aus dem Herzen sprechen. Auch dieser hatte den genannten Tatbestand bemerkt und daraufhin seinen Durst mit Wasser gestillt. Hoffentlich war das kein Einzelfall und hoffentlich liegt die Zukunft bei einer bewussten Jugend, und nicht bei einer oft festgefahrenen und kleinkarierten Sichtweise mancher Alt-Revoluzern.

Da A es nicht bei der Hoffnung belassen wollte, dachte er vielleicht könnte ihm eine Suche am Internet helfen. Unter dem Stichwort „Psychologie“ fand er dann auch unter der Adresse http://homepage.internet.lu/mtk-idee eine luxemburgische Initiative die sich für eine „freie KULTURelle KREATIVITÄT, solidarisch-ökologisches WIRTSCHSCHAFTen, direkte DEMOKRATIE und eine demokratische GELDordnung“ einsetzt. Und das nicht nur in Worten und Taten, sondern vor allem in Verbindung mit Selbsterfahrung und eigenverantwortlichem Handeln. Also doch nicht nur „Mach wie die andern, dann geht es dir wie den andern“ sondern auch, „Mach es so, wie du es für alle für richtig hälst, fang bei dir an und es geht womöglich dir und den andern morgen besser.“ Und wenn dem dann wirklich so ist, dann leben sie noch heute und vielleicht sogar übermorgen.
 

Oktober 2001