Wenn man sich den Trend der Plazierungen Minderjähriger
in Institutionen in den letzten Jahren ansieht, muss man fast annehmen,
dass die für die Heimplazierungen Verantwortlichen den Titel des rezenten
Heimreflexionstages sehr ernsthaft mit ja beantworten.
Dies belegen jedenfalls einige Zahlen: 1990 waren 367 Minderjährige
in den Kinder- und Jugendheimen untergebracht, 1997 gab es deren über
600 in den Kinder-und Jugendheimen, den Uebergangsheimen und den
« Centres Socio-Educatifs de l’Etat », dazu rechnen muss man
etliche Auslandsplazierungen sowie die Minderjährigen im Gefängnis.
In den 90 er Jahren ist jedenfalls eine deutliche Zunahme der Plazierungen
zu verzeichnen und dies trotz vermehrter Diskussion über Alternativen,
Kurzplazierungen und Familienarbeit. So wurden zum Beispiel im gesamten
Jahr 1989 nur 54 Minderjährige in Heime plaziert, wogegen es
vergleichsweise im Zeitraum vom 1.1.96 bis zum 30.6.97 schon allein in
den in den Erziehungsheimen Dreiborn und Schrassig 64 Neuaufnahmen
gab! Eine weitere Tendenz ist die Zahl der Plazierungen über
das Jugendgericht: 89% (1997) , 1990 waren es nur 42%, also gab es mehr
als eine Verdopplung in nur wenigen Jahren. Ein Vergleich der « Enquêtes
sociales effectuées par rapport à des mineurs en danger »
vom „Service Central d‘Assistance Sociale“spricht die gleiche deutliche
Sprache : 274 im Jahre 1990 und 587 im Jahre 1997.
Was veränderte sich in den 90er Jahren ? Erstens wurde die
zentrale multidisziplinäre Heimeinweisungsstelle, die in den 80er
Jahren immerhin 70% der Heimanfragen durch Alternativen vermeiden konnte
(über 2000 betroffene Kinder), durch ein bürokratisches
Sekretariat ersetzt. Zweitens trat das neue Jugendschutzgesetz in Kraft,
das die Rechte der Eltern deutlich beschneidet, was der ebenfalls geforderten
erfolgreichen Familienarbeit durch die Heimerzieher sicher im Wege steht.
Neben dieser Tatsache, erklärt sich die Zunahme der gerichtlichen
Heimeinweisungen vielleicht dadurch, dass das Jugendgericht als Entscheidungsträger
kaum Fachwissen über psychosoziale und therapeutisch-pädagogische
Belange aufweisen kann, um ein in dieser Hinsicht fundiertes Urteil
zu fällen. Die Leittragenden sind wiedereinmal die betroffenen Minderjährigen.
Eine echte Chance für viele Kinder wäre es , wenn endlich
die Schutz- bzw. Kontrollgedanken durch Hilfegedanken ersetzt würden
und Alternativen zu den Heimeinweisungen realisiert werden.
Welche Alternativen gibt es ? Professionnelle Pflegefamilien, spezialerzieherische
Kindergruppen, Internate, sozio-edukative, familienstützende, ambulante
Dienste, einen jugendpsychiatrischen Dienst, ein geschlossenes Erziehungsheim
für Kurzaufenthalte, Kriseninterventionszentren, um nur einige Beispiele
zu nennen, die sich längstens im Ausland bewährt haben. Diese
Alternativen sind nicht neu. Schon in den 70er Jahren gab es Projekte für
ambulante erzieherische Massnahmen in den Familien. In den 80er Jahren
gab es Konferenzen und Kongresse zum Thema . Viele in diesem Feld Tätige
besuchten Weiterbildungen. Doch es wurde viel geredet, geschrieben und
geplant, umgesetzt aber wurde recht wenig. Eine Charta für die Rechte
der „plazierten Kinder“ und ein „Weissbuch“ in den 90er Jahren zeigen,
dass man weiss, was zu tun wäre. Besonders die Rechte der betroffenen
Kinder und Familien sollen gestärkt werden. Scheitert es schlussendlich
am politischen Willen? Eine finanzielle Frage ist es kaum. Es ist längst
bekannt, dass institutionelle Lösungen die teuersten sind, und für
die Betroffenen in vielen Fällen auch noch die schmerzlichsten.
Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass Qualitätskontrolle
und Qualitätssicherung für die Sozialarbeit in Luxemburg oft
noch Fremdwörter sind. Hat man etwa Angst vor den Ergebnissen von
Effektivitäts- und Qualitätskontrollen oder ist man einfach
nicht daran interessiert, weil man doch alles Notwendige fürs materielle
Wohl und den Schutz der Kinder vor ihrer schädigenden Umgebung
getan hat? Der gesellschaftspolitische Aspekt darf ebenfalls nicht aus
den Augen verloren gehen. Individuelle Ursachen mag es für die einzelne
Heimeinweisung wohl geben, aber die Ursachen müssen auch im
sozialgesellschaftlichen Umfeld gesucht werden, wo Armut (auch in Luxemburg)
zur Vernachlässigung und Gewalttätigkeit führt. Es ist bequemer
alle Schuld auf den Einzelnen abzuschieben, statt zu fragen, welches Umfeld
welche Hilfestellung benötigt, damit erst gar nicht so viele
Notsituationen entstehen.
ag