- Interview mit Alfred Groff über die Konzepte der « personenzentrierten-transpersonalen » Sozialarbeit  -


I.P. : Was verbirgt sich hinter dem Begriff « personenzentrierte transpersonale Sozialarbeit ?

A.G. : « Personenzentrierte » und  « transpersonale »  Sozialarbeit  zu leisten, heisst   sowohl die individuelle persönliche Dimension, als auch den über diese Ebene hinausgehenden "trans-personalen" gesellschaftlichen und universellen Kontext zu berücksichtigen. Der Klient muss  ganzheitlich informiert,  unterstützt und begleitet werden,  egal ob das nun ein Erzieher, ein Lehrer, ein Pädagoge,  ein Psychologe oder ein  Sozialarbeiter tut. Im Idealfall wird die  Arbeit von einem multidisziplinären Team verrichtet.

I.P. : Können sie noch mehr zum Begriff « transpersonal » sagen ?

A.G. : Er wird vor allem im Zusammenhang mit der transpersonalen Psychologie, die sich aus der humanistischen Psychologie  herausentwickelte und  die sich um eine ganzheitliche bewusste Entwicklung bemüht, gebraucht.

I.P. : Was versteht man unter « ganzheitliche bewusste Entwicklung » ?

A.G. : Der amerikanische Philosoph Ken Wilber trug, während seiner Analyse der Hierarchien, die die  Entwicklungen im allgemeinen beschreiben, die Erkenntnisse aus einer grossen Fülle von unterschiedlichen wissenschaftlichen Zweigen, von Konzepten neuester Theorien, von gegensätzlichen philosophischen Bewegungen und von alten Weisheitslehren zusammen. Er erkannte, dass eine bestimmte Wahrheitsbehauptung gültig sein kann, ohne aber vollständig zu sein und man sie als Teil anderer und ebenso wichtiger Wahrheiten sehen muss. Er entwickelte eine umfassende « Landkarte » der Welt, indem er  20 Muster oder Grundaussagen herausarbeitete, die für die Evolution gelten, wo auch immer diese auftritt :  Die Wirklichkeit ist aus Ganzen/Teilen (« Holons ») zusammengesetzt, d.h. alles ist im Grunde ein Holon irgendwelcher Art, was bedeutet, dass jede Entität  sowohl ein Ganzes wie auch ein Teil ist.

I.P. : Können Sie das etwas mehr erläutern ?

A.G. : Alle Holone haben gewisse gemeinsame Grundvermögen. So sind Innenseite und Aussenseite in individueller und kollektiver Form in allen Holonen vorhanden. Diese Erkenntnis beschreibt Wilber in seiner  Lehre von den vier « Entwicklungsquadranten ». Er teilt den evolutionären Prozess aller existentiellen Bereiche, von der Materie bis zum Geist, in diese vier Bereiche. Die Entwicklungen auf den vier Quadranten sind eng miteinander verbunden und voneinander abhängig. Jedes einzelne Teil im Kosmos besitzt diese vier Aspekte. Beim Menschen sind es :  Bewusstsein (innerlich individueller Bereich), Weltbild und Kultur (innerlich kollektiver Bereich), körperliche Entwicklung und Verhalten (äusserlich-individueller Bereich) und soziale Organisation (äusserlich kollektiver Bereich).

I.P. : Was hat dies alles mit Sozialarbeit zu tun ?

A.G. : Diese Erkenntnisse Wilbers gilt es zu berücksichtigen, wenn die Sozialarbeit nicht nur einseitig oder „Flickarbeit“ sein soll. Probleme ganzheitlich zu lösen heisst, sie von den vier genannten Standpunkten anzugehen. Doch Wilber meint, wir würden die Wirklichkeit meistens aus einer materiellen Sicht analysieren, aber diese sei genauso reduktionistisch wie etwa die Verherrlichung der innerlichen psychologischen Perspektive.

Ein Beispiel dafür, wie oft heute eine Teilwahrheit für « die » Wahrheit verkauft wird und andere Teilwahrheiten einfach geleugnet werden, konnte man kürzlich im Zusammenhang mit der Abschiebung von Flüchtlingen aus Luxemburg und der Verhandlungen der Weltorganisation in Seattle im « Keisecker-Info » lesen : « Dass Politik beim Abwägen neben formal-juristischen, wirtschaftlichen und anderen sogenannten ’rationellen’ Aspekten, auch menschliche, kulturelle, soziale Werte miteinzubeziehen hat, ist in der Folge eines neo-liberalen Gedankengutes nicht mehr an der Tagesordnung. »

I.P. : Welche Dimensionen begreift eine ganzheitliche Sozialarbeit ?

A.G. : Ich möchte  vorrangig auf die « inneren » Dimensionen eingehen, die in der gängigen Diskussion leider zu oft das Nachsehen haben. Da ist zunächst  die individuelle personenzentrierte Dimension zu nennen. Der Mensch sieht sich immer als Mittelpunkt und bewertet alles Erlebte aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Durch eine  einfühlsame personenzentrierte Begleitung , worunter ich einfühlendes Verstehen, Wertschätzung und Aufrichtigkeit verstehe,  kann man die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten des Menschen, hin zu wachsender Autonomie fördern. Carl Rogers und Gene Gendlin als Hauptvertreter dieses Ansatzes haben gezeigt, dass eine personenzentrierte Haltung weit über das Gebiet der Psychotherapie erfolgreich einsetzbar ist.

I.P. : Was bewirkt eine personenzentrierte Sozialarbeit ?

A.G.: Personenzentrierte Sozialarbeit fördert die  Autonomie, also die Freiheit in einem gegebenen Rahmen.  Die  Eigenverantwortung und Eigenentscheidungsfähigkeit des Klienten werden unterstützt. Selbstbewusstsein aber ist eine der Voraussetzungen von Selbständigkeit . Der Sozialarbeiter begleitet den Klienten nur soweit wie dieser es wünscht und leistet Fremdhilfe nur dort, wo der Begleitete es nicht selber tun kann. Wichtige Angebote sind : Ein Maximum an Information, Erklärungen wo etwas nicht verständlich ist, Aufklärung über Rechte und Pflichten, Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung…. Die persönlichen Werte des Klienten sind in jedem Fall zu achten. Das Aufzeigen von Vor- und Nachteilen und der wahrscheinlichen Realisierbarkeit einer Gegebenheit  kann hilfreich sein , wobei aber auf die Gefahr einer moralisierenden Haltung seitens des Beraters zu achten ist.

I.P.: Was bedeutet dies konkret ?

A.G.: Es gilt eine Sozialarbeit zu realisieren die bedürfnisorientiert  ist. Die Grundbedürfnisse nach Arbeit oder sinnvoller Beschäftigung, nach Sicherheit und Gesundheit sowie  nach einem Zuhause, was sowohl den privaten Wohnraum wie die sozialen  Beziehungen begreift,  müssen gesichert werden. Aber vor allem die subjektiv geäusserten körperlichen, emotionalen, mentalen und  existentiellen Bedürfnisse sind in den Mittelpunkt zu stellen.

Letztendlich geht es darum die bewusste persönliche Entwicklung zu fördern, damit der Klient seinem inneren  Wesen gerecht wird und ein menschenwürdiges zufriedenstellendes  Leben führen kann.

I.P. : Können wir noch einmal auf den Begriff « transpersonal » zurückkommen und könnten Sie uns erklären, welche Rolle er in der Sozialarbeit spielen kann ?

A.G. : Der Mensch, die Person, ist Teil eines grösseren Ganzen. Er kann nicht unabhängig von seinem Beziehungsgefüge und seiner Umwelt leben, mit der er aufs Engste verknüpft ist. Dies sagt ja auch die eben erwähnte  Quadrantenlehre Wilbers.  Daher muss auch jegliche Sozialarbeit über das « Persönliche » hinausgehen und eine Integration in einem grösseren Zusammenhang anstreben. Der Mensch lebt in einer Gesellschaft mit ihren Moral-, Ethik- und Verhaltensvorstellungen und Normen, er lebt in einer  ihn beeinflussenden Natur. Er teilt mit seinen Mitmenschen nicht nur die Luft zum Atmen und  hat wie sie grundlegende Körper- und Sicherheitsbedürfnisse, sondern stellt sich auch existentielle Fragen und unterliegt laut  C.G. Jung  inneren kollektiven archetypischen Mustern, die es zu jeder Zeit und in jeder Kultur gab.

Karlfried Graf Dürckheim meint, dass es drei Grundängste gibt, die das Verhalten der Menschen beeinflussen : Die Angst vor Zerstörung, dazu gehören Krankheit und Tod, die Angst vor dem Absurden also der Sinnlosigkeit und die Angst vor der Einsamkeit. Diese Ängste kann man äusserlich zu vermeiden trachten, aber hilfreicher ist eine Begegnung mit ihnen in einer Verankerung im inneren transpersonalen Wesenskern, welcher das "Ich"-bezogene Alltagsbewusstsein überschreitet und  die Verbindung zu einer übergreifenden  geistigen  Dimension darstellt.

Vor allem der Sozialarbeiter kann durch eine solche Haltung der Einbettung im „erweiterten Bewusstseinsraum“ Kraft in schwierigen Situationen, die er sonst nicht oder nur mit Mühe meistert, schöpfen.

I.P: Gibt es neben diesen zwei, wie Sie sagen „inneren“, auch noch „äussere“ Dimensionen ganzheitlicher Sozialarbeit ?

A.G.: Natürlich, aber diese sind die, die wir von der klassischen Sozialarbeit kennen. Die angebotene Sozialarbeit muss sich  realistische Ziele setzen, die auch äusserlich messbar sind , sowohl bei ihren individuellen wie kollektiven Anliegen. Und dies vor allem, wenn öffentliche Gelder im Spiel sind.  Die  Ziele und die Resultate müssen regelmässig überprüft werden und die nötigen Anpassungen vorgenommen werden.

I.P. : Was ist zur Rolle des Sozialarbeiters zu sagen ?

A.G. : Wenn wir davon ausgehen, dass alles Existierende ein Holon ist, so auch der Sozialarbeiter. Wir können uns also seine Wirkungsweisen auf den vier Quadrantenebenen ansehen.

Auf der individuellen sichtbaren Ebene stellt er Anträge, führt Telefonate, Informations- und Beratungsgespräche, begleitet den Klienten zu Behörden, macht Hausbesuche, füllt Formulare aus, gibt Ratschläge … Dies ist der klassische Teil der Sozialarbeit.

Auf der  individuellen unsichtbaren Ebene zeigt  er Empathie, also Einfühlsamkeit in die innere Gefühls- und Bedürfniswelt des Klienten. Er ist aufmerksam um herauszufinden, wo die Probleme des Klienten liegen. Ohne eine innere Beziehung zum Klienten sind viele äussere Taten ohne Perspektive, weil sie oberflächlich sind oder an den wahren Bedürfnissen des Klienten vorbeizielen. Wichtig ist, dass der Sozialarbeiter seine eigenen Probleme kennt und sie nicht auf sein Gegenüber projeziert. Arbeit an sich selbst und Weiterbildung sind eine notwendige Voraussetzung für eine  professionelle Arbeit. Er muss es akzeptieren, wenn seine Wahrheit und die des Klienten eine andere ist, und beide nebeneinander stehen lassen . Schlussendlich entscheidet der Klient, wo er hinsteuern will. Der Sozialarbeiter steht ihm in einem vorgegebenen Rahmen hierzu zur Verfügung. Mitleid hilft dem Klienten nicht weiter, aber ein warmherziges Engagement. Dies ist die psychologische Dimension der Sozialarbeit.

Auf einer kulturellen, also der  unsichtbaren gesellschaftlichen Ebene soll der Sozialarbeiter gesellschaftliche Abläufe verstehen und sich eine eigene freie Meinung darüber bilden.  Er muss ein Bewusstsein für das ganze gesellschaftliche Beziehungsgewebe haben, will er nicht nur Symptombehandler und ein Anpasser sein. Auch gilt es mit Klienten über Werte und den Umgang damit zu reden. Dieses Verständnis ist der erste Schritt zu einem Einschätzen seiner Lage und seiner Handlungsmöglichkeiten.

Auf der Ebene der sozialen Organisation, der äusseren kollektiven Ebene, gilt es Positionen  zu ergreifen und zu handeln . Dies kann verschiedene Formen annehmen , z.B.  schriftliche Stellungnahmen, Leserbriefe und Artikel also Öffentlichkeitsarbeit, Initiativen und Pilotprojekte die die Machbarkeit von neuen Ideen belegen können. Wichtig ist das gesellschaftliche Leben aus einer sozialen Perspektive zu bereichern, zu entwickeln, zu kritisieren und wenn nötig zu verändern.

Da man keinen  Quadranten  auf andere reduzieren kann, soll man  keine Sichtweise zu sehr in den Vordergrund stellen, wenn dies nicht klar begründbar ist. Ein multidisziplinäres Team ist sicherlich durch die in ihm liegende Vielseitigkeit  die beste Hilfe für eine ganzheitliche Sozialarbeit.

I.P. : Nehmen wir ein praktisches Beispiel. Sie leiten die Beratungsstelle  "Service de Consultation Socio-Pédagogique" von "Inter-Actions". Wo sehen Sie die Ziele der Sozialarbeit des CSP ?

A.G. : Eigentlich gibt es zwei Hauptziele.

Das erste Ziel  ist es eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt für den Klienten zu finden. Das dadurch erwirtschaftete Geld bringt dem Klienten die Möglichkeiten eine Wohnung zu mieten, Lebensmittel und Kleider zu kaufen, Schulden zu begleichen, einer vielseitigen Freizeitgestaltung nachzugehen usw., also die Erlangung von Sicherheit einerseits und Freiheiten und Autonomie andererseits. Dazu ist in unserer Gesellschaft die bezahlte Arbeit ein Integrationsfaktor, sie eröffnet Beziehungsmöglichkeiten und erfüllt oft das Bedürfnis nach einer sinnvollen Tätigkeit.

Das zweite Ziel , oft eine Voraussetzung für das erste Ziel,  ist die   psychologische und  soziale Stabilisation des Klienten. Eine Arbeit zu finden ist ein Problem, sie zu halten, ist ein anderes Problem vieler Klienten des CSP. Dazu ist eine gewisse innere und äussere Stabilisation notwendig. Erschwerende Faktoren sind z.B. inadequate Wohnungsmöglichkeiten, finanzielles Chaos und übermässige Schulden, Gesundheits- und Hygieneprobleme, ein Mangel an spezifischer Ausbildung, Abhängigkeiten jeder Art, chaotische familiäre oder kollegiale Beziehungen, Missbrauchserfahrungen, Probleme mit der Justiz, Institutionsaufenthalte … Es gilt also in einer ersten Phase die Probleme dieser Art in den Griff zu bekommen, sie nicht unbedingt alle zu lösen, aber eine gewisse Überschaubarkeit zu erreichen und die Perspektive, sie auf mittlere Sicht zufriedenstellend zu lösen.

I.P. : Sind die vier vorher  angesprochenen Ebenen konkret bei der Arbeit des CSP sichtbar ?  Ist ihre praktische Umsetzung gewährleistet ?

A.G. : Klassische sichtbare Sozialarbeit ist vor allem in einer ersten Phase der Zusammenarbeit wichtig. Man tut etwas für den Klienten in seiner Notlage, er sieht den Nutzen der Zusammenarbeit und so kann sich die Beziehung für die weitere Zusammenarbeit festigen.

Für einen mittel- und längerfristigen Erfolg ist die psychologische Dimension sehr wichtig. Der Klient muss erfahren, dass die Hauptkraft für Veränderung, Problemlösung, Autonomie … in ihm selbst liegt. Im CSP wird diese Arbeit von allen Teammitgliedern geleistet, im Spezialfall von einem der beiden Psychologen des CSP oder in Zusammenarbeit mit einer externen Beratungsstelle.

Die Arbeit der Beratungsstelle  CSP bettet sich ein in die Philosophie von «Inter-Actions », die sich in dem Text «Les objectifs de l’I.A. asbl » ausdrückt und der wiefolgt lautet:

« L’association est indépendante des points de vue idéologique et confessionnel. Inter-Actions se considère comme un élément dynamique dans une société soumise à de perpétuels changements ; a pour objectif principal la réalisation d’un travail social avec des groupes de population défavorisés ; met, pour la réalisation de cet objectif, l’accent sur le travail social communautaire dont l’action est à la fois préventive et curative et donne aux membres de groupes marginalisés la possibilité d’intervenir activement dans la structuration de la société et la création de services à leur profit ; tâche d’optimer son travail par une remise en question permanente des objectifs et des méthodes de travail par des évaluations régulières. »

I.P. : Bleibt die vierte Ebene der konkret sichtbaren Realisationen auf sozialer Ebene.

A.G. : Der CSP ist regelmässig bei Initiativen zur Verbesserung der sozialen Lage der Betroffenen auf gesellschaftlicher Ebene beteiligt. 1999 war dies im Rahmen des Pilotprojektes « Zusammenarbeit », wo versucht wurde die Integration der Klienten auf dem ersten Arbeitsmarkt zu verbessern, durch einen regelmässigen Austausch von drei betroffenen Instanzen : dem Arbeitsamt, der Interimgesellschaft Randstad und des CSP. Weiter wurde mit sechs andern Vereinigungen das Thema « Caution locative » an die Oeffentlichkeit und an das Parlament herangetragen. Der Ausbau der Initiative  « Erlangung eines Führerscheins » für Klienten ohne Berufsqualifikation wurde weiter betrieben.

I.P. : Das sind eher punktuelle Initiativen….

A.G. : Das wichtigste ist, dass der « Service de Consultation Socio-Pédagogique»  zusammen mit dem Atelier Schlaifmillen und den von Inter-Actions gegründeten Arbeitsstrukturen Teil der « Structure d" Encadrement Socio-Economique (SESE)» ist, die u.a. folgende Kriterien erfüllt :

* Die eingestellten Arbeiter machen zunächst Erfahrungen in einem
Betrieb der nach privat wirtschaftlichen Kriterien geführt wird. Die
Nachteile von staatlichen beruflichen Massnahmen des zweiten
Arbeitsmarktes, die durch ihre Eigenheiten die Betroffenen oft zu lange
von den Realitäten des ersten Arbeitsmarktes fernhalten und so eine
Eingliederung erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen, werden
vermieden.
* Eine individuelle Weiterbildung ist integrativer Bestandteil der SESE.
* Es wird eine   individuelle Hilfestellung zur Linderung bzw. Beseitigung  der persönlichen und sozialen Probleme gegeben.
* Die berufliche und soziale Eingliederung bzw. Wiedereingliederung wird
unterstützt und eine Nachbetreuung angeboten.

Werden von den Arbeitsstrukturen Gewinne erwirtschaftet, so dienen sie nicht der persönlichen Bereicherung, sondern werden in den bestehenden Firmen  oder in andere innovative Sozialmassnahmen investiert.

I.P. : Welche Impulse können Sie allgemein fürs soziale Zusammenleben geben ? Welche Konzepte gibt es für die Gestaltung des vorher genannten „kollektiven“ Wirklichkeitsbereiches ? Wie muss eine Gesellschaft aussehen, damit die wesensgerechten Bedürfnisse ihrer  Bürger befriedigt werden können ?

A.G. :  Eines der diskutierten Konzepte finde ich sehr anregend, nämlich  die gesellschaftlichen Bereiche der Bildung, des Rechtes und der Wirtschaft autonom zu gestalten. Wie beim Menschen die fürs Denken, Atmen oder Verdauen zuständigen Organe nach autonomen Regeln funktionieren, so sollte in einem « gesunden » gesellschaftlichen Ganzen zwischen Bildung also Erziehung, Schule, Weiterbildung, Kultur, Forschung, … dem Rechtsbereich also Staat, Politik, Gesetze … und der Wirtschaft unterschieden werden.  Diese drei Bereiche sollten laut dieser Idee in Autonomie nach den ihrem Bereich gemässen Regeln funktionieren, um ein bestmögliches menschenwürdiges  soziales Zusammenleben zu ermöglichen .

I.P. : Fangen wir mit dem Bereich der Bildung an.

A.G. : Die dem Wesen des Menschen entsprechenden Bedürfnisse auf einer materiellen, emotionalen, mentalen, sozialen und geistigen Ebene zu ergründen und ausdrücken zu lernen, muss im frühesten Kindesalter angelegt und  gefördert werden. Es ist die Aufgabe der Erziehung und der Bildung dem Menschen zu helfen, das zu leben was er ist. « Wer bin ich ? » ist eine der Sinnfragen, denen im Bereich der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie, die ich als « Bewusstseinsbildungsprozess » verstehe,  immer wieder nachgegangen wird. Daraus entstehen Fragen « Was ist meinem persönlichen Lebensinhalt gemässes Handeln? », « Was ist meine Rolle hier auf dieser Welt ? »
Immer mehr Menschen ist es ein Bedürfnis bewusst zu leben und nicht nur das Produkt von Erziehung, Wünschen von Eltern, Vorgesetzten und der Werbung zu sein. Den eigenen innersten Bedürfnissen sollte also  möglichst unabhängig von den Einflüssen des Staates oder Suggestionen der Wirtschaft nachgegangen werden können.

I.P. : Im Bildungsbereich spielt  die Schule ein zentrale Rolle.

A.G. :  Die Schulgestaltung sollte ebenso frei sein von der Bevormundung des Staates und dem Einfluss der Wirtschaft. In einem freien Schulsystem haben die Eltern und die Studenten die Wahl der Schulen und der Programme. Die Lehrer und Bildungsinstitute,  die die wesensgemässeste und attraktivste Förderung der Talente des Einzelnen anbieten könnten, hätten den meisten Zulauf und dadurch auch die besseren Möglichkeiten ihres Ausbaus und der Besoldung ihrer Mitarbeiter.

I.P. : Die Reichen kämen in die besten Schulen, die Masse müsste mit dem Rest Vorlieb nehmen ?

A.G. : Die berechtigte Frage, ob so nicht eine Zweiklassengesellschaft enstehe , wenn freie Schulen die öffentliche Schulen ersetzen würden, muss gestellt werden. Dies wäre nicht der Fall, wenn gesetzlich geregelt wäre, dass jeder die gleichen Zugangschancen hätte und ein Recht auf Ausgleich je nach seiner finanziellen Ausgangslage bestünde. Dies festzusetzen wäre  eine Aufgabe des Rechtsbereiches ...

I.P. : ... also des zweiten autonomen Bereiches !

A.G. : Ja. Eine Frage des Rechtes wäre es auch die Regelung des Spielraumes, in welchem  die Wirtschaft für die Bedürfnisse der Menschen produzieren dürfe,  zu definieren.  Fragen des Naturschutzes etwa gehören hierher.

I.P. : Sind die meisten Bürger kompetent in solchen Fragen ?

A.G. : Eine befreite Bildung würde sicher helfen sie kompetenter zu machen. Michael Gorbatschow sagte kürzlich in einem Interview :  « Nur durch eine geistige Perestroika vieler Menschen werden wir Einfluss auf die Wirtschaft nehmen können, damit diese sozial und ökologisch arbeitet ».

I.P. : Wie würde sich die Frage der Entscheidungsmöglichkeiten im Bereich des Rechtes gestalten ?  Wer beschliesst die Gesetze ?.

A.G. :  Alle Bürger müssten gleichberechtigt ihre Stimme abgeben können, wenn sie das wünschen und so die parlementarische Demokratie ergänzen. Aber  «Direkte Demokratie» steht nur auf gesunden Füssen, wenn  die Bürger zur Freiheit erzogen wurden, alle zur Verfügung stehenden Informationen erhalten können und an den Diskussionen von möglichen Vor- und Nachteilen einer Entscheidung teilhaben können. Der Grundstein dafür aber würde im freien Bildungswesen gelegt.

I.P. : Im Vorgespräch sagten Sie mir : « Schaffen wir die Arbeitslosenunterstützungen ab ! Ist Ihnen damit ernst gemeint ?

A.G. : Der Bereich des gesicherten Einkommens, also der Teilhabe aller am Reichtum dieser Erde gehört ebenfalls zum Bereich des Rechtes . Es muss eine adequate Form des « Bürgergeldes  für alle ohne Vorleistungen », einem Recht das ein menschenwürdiges Dasein ohne Ausnahme bedeuten könnte, gefunden werden. Folgender Schritt in diese Richtung könnte unverzüglich gemacht werden : Anstatt von entwürdigenden Sozialgeldern und Arbeitslosenunterstützungen abhängig zu sein, würde  jedem der keine bezahlte Arbeit findet , ein Lohn zustehen für eine selbstgewählte nützliche Tätigkeit die sonst nicht ausgeübt würde, etwa im  Fürsorge- und Pflegebereich, im Bereich von Oekologie und Kultur, im Drittweltbereich,  usw.. Die nötigen Gelder könnten einer Vereinigung oder Organisation zur Verfügung gestellt werden, um den Betreffenden als Mitarbeiter einzustellen und so einen wichtigen Beitrag zu seiner sozialen Integration leisten.

I.P. : Welche Auswirkungen hätte dieses Vorgehen auf den Wirtschaftsbereich ?

Eine solche Regelung  würde nicht mehr verlangen, dass die Menschen ihre körperlich und geistige Arbeitskraft unter jeden Umständen an die Wirtschaft oder den Staat verkaufen müssten . Eine Bevormundung durch die Wirtschaft und die Anwendung ihrer Regeln und Gesetze in den andern gesellschaftlichen Bereichen  war in der Vergangenheit Ursache mancher Probleme und Konflikte. Der wirtschaftliche Bereich sollte sich darum kümmern, nach wirtschaftlichen Kriterien und im Rahmen der bestehenden Gesetze, das zu produzieren was menschliches Bedürfnis wäre. Wie die Freiheit eine Voraussetzung für die Förderung der Kreativität im Bildungsbereich ist und  die Gleichheit im Bereich des Rechtes vorherrschen muss, so ist das dritte Ideal der französischen Revolution, nämlich die Brüderlichkeit, das anzustrebende Ziel in der Wirtschaft.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen kurzen Text von Joseph Beuys vorlesen :  « Jeder Mensch ist ein Künstler in dem Sinne, dass er etwas gestalten kann … und dass in der Zukunft das gestaltet werden muss, was man die soziale Wärmeskulptur nennt. Das würde die Entfremdung in der Arbeitswelt überwinden, ist auch ein therapeutischer Prozess, ist aber auch ein Wärmeprozess. Das geht wieder ganz klar zusammen mit dem Prinzip der Brüderlichkeit, das den Wärmebegriff in sich hat. Das heisst : Jeder arbeitet für jeden, keiner arbeitet nur für sich, sondern jeder befriedigt die Bedürfnisse eines anderen »

Das soziale Wohl der Mitmenschen muss der Motor der Wirtschaft sein, nicht der persönliche Egoismus Einzelner. Mit den wie oben beschriebenen gestalteten Bildungs- und Rechtsbereichen, wäre dies in einem menschengerechten sozialen Ganzen zu bewerkstelligen.

I.P. : Sind solche Ideen nicht nur Utopien ? Wie sollen sie umgesetzt werden ?

A.G. : Die Umsetzungen solcher Vorstellungen beruhen auf der eigenen Einsicht der Einzelnen.  Es ist eine Frage des individuellen und kollektiven Bewusstseins. In der Psychotherapie wurde bewiesen, dass es nicht genügt dem Klienten zu neuen Einsichten zu verhelfen , sondern dass diese mit dem inneren körperlich spürbaren Erleben und Erfahren in Einklang stehen müssen. Eine « Therapie » der gesellschaftlichen Probleme kann ebenfalls nur gelingen, wenn das kollektive Bewusstsein, welches eng mit dem individuellen verknüpft ist, man erinnere sich an die  Lehre der Entwicklungsquadranten », mit der äusserlich sichtbaren gesellschaftlichen Gestaltung und ihrer Institutionen harmoniert, also  das kollektive Handeln mit einer ethischen menschengerechten Sicht in Einklang steht.

Falls es gelingt die Verstrickungen von  Bildung, Staat und Wirtschaft zu lösen, werden vielleicht die Aufgaben der Sozialhilfe auf ein Minimum reduziert werden können.

I.P. : Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.