INTEGRATION -  NEIN  DANKE  ?


Kürzlich wurde in der Konstitution des luxemburgischen Staates das Wort „demokratisch“ hinzugefügt. Für mich lässt sich der Grad einer Demokratie  nicht zuletzt am Ausmass der Integration aller Beteiligten der Gesellschaft, also auch aller Minoritäten und Randgruppen, messen.

Ich arbeite seit fast 20 Jahren hauptberuflich im Bereich der Sozialarbeit und in Vereinigungen, die sich um Randgruppen, Behinderte und Kranke kümmern und dabei scheinen mir drei Grundbedürfnisse besonders wichtig: Der Mensch möchte sich dazugehörig fühlen (Integrationsbedürfnis), einen gewissen Schutz und Sicherheit verspüren, ohne dabei seine Freiheit aufgeben zu müssen (Autonomiebedürfnis).  Dazu hat er ein persönliches Bedürfnis nach Entfaltung und möchte bestimmte Ziele erreichen. Aus- und Weiterbildung sowie eine sinnvolle Tätigkeit kann ihm dabei verhelfen. Am Beispiel der Integration möchte ich zeigen, dass  in unserem Lande dieses Grundrecht noch nicht immer gewärleistet ist:

Beispiel „verhaltensgestörte“ Kinder und Jugendliche: Zum Teil sind damit Kinder gemeint, die in luxemburger Heimen erzogen werden. Oft werden die verhaltensschwierigsten Kinder ins Nahe Ausland, vor allem nach Belgien abgeschoben (billigste Lösung) , in sogenannte therapeutische Heime, wo aber die materiellen und personellen Möglichkeiten unter denen in Luxemburg liegen.  Viele der kompetentesten Erzieher dieser Institutionen aber werden durch die höheren Gehältern in Luxemburg abgeworben, um mit den „leichteren“ Fällen in unserem Land zu arbeiten. Eine andere Tatsache, die in den letzten Jahren erschreckend oft vorzufinden ist, ist die Plazierung Minderjähriger in der Erwachsenenstrafanstalt, ungefähr 50 Jugendliche im Jahr.  Im Moment arbeite ich mit einem 17jährigen der schon neun Aufenthalte in Schrassig vorzuweisen hat. Eltern aber, die ihre „verhaltensgestörten“ Kinder zu Hause mit ambulanter professioneller sowie therapeutischer Hilfe mit viel Mühe und Not im Familienkreis integriert halten, erhalten trotz anderwertiger Versprechen seitens des Gesundheitsministers keine finanzielle Unterstützung. Eine viel teurere Jugendpsychiatrie im Ausland würde allerdings bezahlt werden. Die Verantwortung selber eine Jugendpsychiatrie in Luxemburg aufzubauen wurde bisher versäumt. Regionale Lösungen mögen für Erwachseneninstitutionen eine Lösung sein, lokale aber sind für Minderjährige vonnöten. Abschieben statt  integrieren heisst sonst die Devise.

Beispiel behinderte Kinder: Es wird viel geredet über die Integration der Behinderten in unseren Schulen. Doch Ministerin Frau Jakobs sagte in einem Interview : „ Das Lehrpersonal will und kann nicht immer mitmachen, oft weil die erforderliche Vorbereitung fehlt.“ Weiters sagt sie , dass ebenfalls oft die spezifische Unterstützung fehle. Dies aber ist eine notwendige Voraussetzung für eine sinnvolle Integration.  Es kommt vor, dass eine Mutter die Stützlehrerin für Ihr eigenes Kind sein muss, wenn Sie die Integrierung will oder dass die bereitstehenden qualifizierten Leute können nicht eingestellt werden. Was nicht verwunderlich ist, denn  im Budget 96-98 der Education Nationale stellt die Education Différenciée das einzige spezifische Gebiet dar, das zwei Jahre hintereinander Einbussen hinnehmen musste.

Beispiel „unqualifizierte Schüler“ : Laut Aussagen eines Ministerialbeamten liegt Luxemburg mit 52% Schülern ohne Abschluss an letzter Stelle in Europa (63 % bei den „wenig qualifizierten“ laut F.Colling). Werden diese einem System geopfert, damit die besten im Ausland auf der Uni bestehen können ? Wohl kaum, weil wir nur ein Prozent Uniabgänger haben, wobei der Europadurchschnitt bei 3% liegt. Am Geld kann es auch nicht liegen, denn nach OCDE Angaben kostet ein luxemburgischer Schüler 250% teurer wie z.B. in Deutschland und dies stellt den höchsten Kostenpunkt in Europa dar . Der Generalinspektor meinte kürzlich auf einem Kolloqium die Leistungen der einzelnen Schüler würden beweisen, dass die einen unter- , die anderen überfordert seien. Für wen ist denn unser System überhaupt noch adequat? Dass die mangelnde Qualifikation ein Hauptgrund späterer Arbeitslosigkeit ist, wurde u.a. in mehreren Leserbriefen von Inter-Actions Faubourgs an dieser Stelle dargestellt. 57% der Arbeitlosen haben nur eine geringe Qualifikation laut Marcel Glesener, 53% hätten keine Qualifikation laut Ministerin Hennicot-Schoepges. Wie lange können wir wir es uns leisten von ausländischen Arbeitern zu profitieren, deren Ausbildung im Ausland finanziert wurde?  Zu diesem Thema sagt Staatsminister Jean-Claude Juncker in der „Stemm vun der Stross“: „Mon sentiment est que l’exclusion comme phénomène de masse est fille du chômage. ... Au pouvoir d’intégration s’est substitué une dynamique d’exclusion .... il faut que nous remettions en état de travailler ceux qui ont „décroché“.

Statt unseren unqualifizierten Einheimischen  RMG (bald ab 25 !) anzubieten, könnten  nicht Arbeitslose selber soziale, ökologische oder kulturelle Arbeiten vorschlagen, die sie im Interesse der Allgemeinheit leisten wollten. Soziale Begleiter könnten sie dabei unterstützen und sie würden Gemeinden oder Vereinigungen ohne Gewinnzweck ihre Dienste anbieten, die dann auf öffentliche  Gelder zurückgreifen könnten und sie einstellen könnten bis sie eine normale Arbeit gefunden hätten. Auch die psychische Wirkung einer mitdefinierten Anstellung wirkt sicher viel positiver auf ihre Zukunft als RMG-bezieher zu sein und oft arbeiten verrichten muss deren Sinn nicht immer einsichtig ist. Hier würden Integration, Autonomie und eine kreative Entwicklung in einem vereinigt.