Leiden oder Leidenschaft?

Beim Lesen dieses Buches von Rainer Grunert, mit dem Untertitel „Warum in Partnerschaften das Begehren verschwindet und wie Sie es wiedergewinnen“, stand eindeutig das Leiden im Vordergrund. Ich ahnte das Leid, das auf mich zukommen sollte, bereits  beim Lesen der Innenklappen des Deckels, wo Folgendes zu lesen ist: Die Herausforderung für Frauen liegt darin, die schützenden Mauern des Ausstellungsraums zu verlassen und sich zu öffnen, sich hinzugeben und ihre Verletzlichkeit zu zeigen... Für Männer ist es das Wichtigste ein Ziel zu haben, in ihre Führungsrolle zu kommen und standhafte Stärke zu entwickeln. Einige meiner inneren Stimmen forderten mich auf, das Buch sofort beiseite zu legen, andere meinten noch vertrauensvoll diese Pauschalaussagen seien sicher nur eine Provokation.

Der Autor behauptet, dass durch unausgesprochene Verträge zur Heilung von Kindheitswunden stürmische Sexualität verloren gehe. Leidenschaft gewinne man durch Differenzierung und Wiederentdeckung der jeweiligen „Essenz“ wieder.  Die ersten Seiten lesen sich noch fließend, da Rainer Grunert viele eigene Erfahrungen einfügt. Im Mittelteil wird es zusehens qualvoller, weil das Ganze auf psychoanalytische Plattitüden und Allgemeinplätze hinausläuft, wo die gestörten Beziehungen zu Vati und Mutti im Vordergrund stehen. Ähnliches findet man auch in manchen  Frauenzeitschriften, die beim Frisör ausliegen, dort ist es aber wenigstens auf zwei oder drei Seiten beschränkt. Hier einige Kostproben  der allgegenwärtigen Verallgemeinerungen: Aus der Sicht sexueller Essenz gibt es drei Arten von Beziehungen: erstens, die Beziehung zwischen Missbrauchten und Kastrat, zweitens die zwischen zwei Kastraten und drittens die zwischen zwei Missbrauchten.... Nahezu alle Menschen sind Mischtypen von Kastraten und Missbrauchten. Im praktischen Teil des Buches findet man folgende Aussage für Männer: Was sie in einer Beziehung wollen, ist sexuelle Verfügbarkeit nach ihren Vorstellungen. Wenn sie jetzt sagen, dass das nicht stimmt, dann lügen sie oder sie sind kein Mann.   „I´m a Neanderthal man , you’re a Neanderthal girl, let’s make Neanderthal love in this Neanderthal world”?  Weiters  müssen Männer auf Folgendes achten: Sie müssen den Überblick behalten, und das ist, falls sie eine sehr weibliche Frau haben, nicht einfach. Im Gegensatz zu ihnen ist das Weibliche nämlich nich fokussiert, sondern schwankt von Sekunde zu Sekunde. Vielleicht sollte man sich doch lieber mit einem Mann einlassen? Und da gibt es noch einen Aufruf zur Überverschuldung: Suchen sie sich einen Mann oder besser mehrere Männer, mit denen sie sich einmal in der Woche treffen, sündhaft teuren Rotwein trinken und dicke Zigarren rauchen, selbst wenn sie sich das eigentlich nicht leisten können. Also Harz4bezieher bitte die Rechnnung an den Autor schicken, falls das Sozialamt die Übernahme verweigert! Kannten Sie schon folgende „Wahrheit“: Mit Frauen können sie nicht diskutieren, und schon gar nicht können sie sie überzeugen...Männer sind radikal logisch und das weibliche Intuitive Netzwerk interessiert sie nicht. Männer interessiert, wie sie sie ins Bett bekommen und dort Sex haben, der ihren Vorstellungen entspricht. Das ist nicht verwerflich, es ist einfach so. Aber auch für Frauen gibt es Tips: Lassen sie also einfach einmal die Kontrille los und überlassen sie einen Teil ihres gemeinsamen Lebens ihm ... wenn sie schon im Alltag nicht loslassen können, wie wollen sie dann im Bett loslassen... Wenn sie bei sovielen Weisheiten nicht glücklicher werden, sind Sie selber schuld.

Der letzte Satz des Buches lautet: vergessen sie nicht: LACHEN. Leider ist mir diese Möglichkeit gänzlich vergangen, weil der Buchdeckeltext dann doch keine Provokation war, wie oben noch teilweise erhofft, sondern ein Hinweis auf mit einigen Teilwahrheiten gespickten dilletantischen Schwachsinn war.

Alfred Groff

NOTE: enttäuschend


Stellungnahme zur Buchbesprechung von Alfred Groff
„Mehr Leiden als Leidenschaft“

Connection 10/2008


In der Connection 10/2008 besprach Alfred Groff mein Buch Leiden oder Leidenschaft. Es war ein Verriss. Betroffen machte mich vor allem die Form der Buchbesprechung. Journalistisch ist das legitim - allerdings sollte eine so verachtende Kritik Begründungen liefern und nicht nur tendenziös sein.

Worum geht es in dem Buch?
Leiden oder Leidenschaft beschreibt, warum das Begehren aus den meisten langjährigen Partnerschaften verschwindet und gibt Anregungen, wie man es wiedergewinnen kann. Die Theorie geht davon aus, dass aus vielen Beziehungen die Polarität zwischen Mann und Frau abhandenkommt bzw. sich Mann und Frau einander angleichen und in diesem Mischmasch aus männlich- weiblichen Qualitäten kein sexuelles Begehren entsteht.

Die vorgeschlagene Lösung ist eine Rückbesinnung auf die ureigene männliche oder weibliche Essenz und das Entwickeln dieser Eigenschaften. Was männlich oder weiblich ist, wird dabei anhand der psychologischen und biologischen Archetypen beschrieben. Es ist nichts anderes als in vielen Männer- bzw. Frauengruppen gemacht wird. Auch soll das Rad der Geschichte, die Gleichberechtigung der Geschlechter, nicht zurückgedreht werden. Vielmehr geht es darum, den Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichberechtigung zu erkennen. Konkret bedeutet das für Männer aufzugeben, Frauenversteher zu sein und für Frauen aufzuhören, mit Männern auf maskuline Weise zu konkurrieren.

All das ist nichts Neues: David Deida hat das bereits auf einer spirituellen, Allan und Barbara Pease auf einer populärwissenschaftlichen und David Schnarch auf einer psychologischen Ebene beschrieben. Und auch die Ursachen, warum wir in heutiger Zeit so sehr unter der Vermischung von Maskulinem und Femininem leiden, nämlich die großen Umwälzungen der Frauen-, Friedens- und Graswurzelbewegung, wurden bereits in dem Essay How to have a Loving Relationship after Women’s Liberation von Susan Washborn 1981 thematisiert.

Um die Verachtung, die in der Buchkritik zwischen den Zeilen schwingt, zu verstehen, scheint es daher wichtig, auf die Biografien von mir und meinem Kritiker zu schauen. Wir sind beide studierte Psychologen mit fundierten Zusatzausbildungen, mein Kritiker Alfred Groff hat sogar promoviert. Ich arbeitete nach meinem Studium 17 Jahre im Management besuchte Männergruppen und baute eine Praxis in Zürich auf. Alfred Groff engagiert sich für ein gleiches Grundeinkommen und
Gleichstellungsinitiativen, ist bei den Schenkern aktiv und hat ebenfalls ein Buch geschrieben. Ein Treffen zwischen so unterschiedlichen und doch wissenschaftlich ähnlich ausgebildeten Menschen könnte bereichernd und lehrreich sein, denn die Welt ist bunt und Lebenswege sind unterschiedlich.

Es gibt aber noch Etwas, das nicht ungleicher sein könnte und ein solches Zusammenkommen verhindert: das unterschiedliche Verständnis von Politik.
Alfred Groff stellt sich auf seiner Webseite als politischer Mensch dar. Ich war ebenfalls bis Mitte der 80er Jahre politisch links engagiert, habe das aber vollkommen aufgegeben, da sich für mich das Spirituelle und Politische diametral unterscheiden. Das Politische schaut auf gesellschaftliche Zusammenhänge und der Mensch ist ein Rad in diesem Getriebe. Das Spirituelle hingegen lenkt den Blick nach Innen auf die inner-psychischen Vorgänge und die Verbundenheit von allem mit allem.

Mein Buch Leiden oder Leidenschaft ist in diesem Licht betrachtet politisch nicht korrekt. Beschreibt es doch Rollenmuster und männliche bzw. weibliche Eigenschaften, die so oder so gedeutet werden können - rückwärts gewandt oder vorwärts blickend. Dieser Gefahr bin ich mir bewusst, dennoch entbinde ich den Leser nicht von seiner Verantwortung: Was falsch oder richtig ist, muss jeder für sich selbst in jeder Situation neu entscheiden.

Zürich, 11. Oktober 2008    Rainer Grunert


Lieber Garjana [Rainer Grunert],

gerade habe ich deine Erwiderung auf unserer Rezension deines Buchs von Alfred Groff gelesen.

In deiner Erwiderung sprichst du von einer "verachtenden Kritik" (und   das gleich zweimal). Ich empfinde Alfreds Text überhaupt nicht als verachtend. Ich habe das Buch von dir zwar nicht gelesen (kann ich nicht, Zeitmangel), aber ich konnte aus Alfreds Text heraus spüren, dass er da einen Nerv getroffen hat, so schien es mir jedenfalls, deshalb habe ich der Veröffentlichung zugestimmt. Seine Beurteilung ist ja (sehr weitgehend) seine und  nicht meine oder unsere (von der Redaktion).

Ich kann nun nach dem Lesen deiner Erwiderung auch deinen Standpunkt verstehen (glaube ich zumindest), und finde es einen sehr  interessanten Gegensatz, der sich da auftut. Ich werde mal mit Christine (die bei uns die Buchrezis betreut) besprechen, ob wir eventuell diese Gegensätze bei uns auf die Webseite stellen können, am besten  mit der Möglichkeit, die Standpunkte dort zu kommentieren.

Jedenfalls: Bitte denke nicht, dass der Alfred seinen Text verächtlich gemeint hat!! Ich kenne ihn (ein bisschen). Er macht einfach den Mund auf und sagt, was er denkt, und das finde ich gut so. Er hat hohen Respekt vor Menschen, die anders denken (und sind) als er.

Und was das Spirituelle und Politische anbelangt: Ich denke, das gehört beides eng zusammen. Auch Oshos Aussagen, Standpunkte und Leitlinien sind m.E. hochpolitisch! So jedenfalls verstehe ich Politik. Politiker agieren in einem Gewebe, in dem "alles mit allem zusammenhängt". Leider verstehen sie das nur mehr oder weniger gut ;-).

Liebe Grüße
Sugata (Wolf Schneider)
Redaktion Connection