SEMINARTEST GOETHES MAERCHEN

Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie stelle nach Rudolfs Steiners Darstellung das Bild einer modernen Einweihung innerhalb der sozialen Gemeinschaft dar. Zukunft würde geschaffen, indem jeder seine eigene Aufgabe im ganzen Geschehen erkenne, auf sich nähme und erfülle. So stand es auf dem grünen Faltblatt, eine Farbe die uns das ganze Wochenende begleiten sollte.

Am Rand des Waldes in einem älteren Hause war der Empfang sehr persönlich und einladend. Alle Stühle im Saal waren besetzt, als Imanuel Klotz den Einführungsvortrag mit dem ersten Satze des Märchens begann „An dem großen Flusse...“. Der menschliche Lebenslauf sei gemeint. Die Überquerung des Flusses deute darauf hin, dass etwas überwunden werden müsse und zwar die Spaltung der sinnlichen und der übersinnlichen Kräfte.

Am nächsten Tag  widmeten wir uns in einer kleineren Gruppe einem zweiten Hauptmotiv im Märchen, dasjenige des Goldes als Symbol der Spiritualität, die aus dem Himmel auf die Erde kommt und den Weg dorthin zurückfindet. Mir kam dabei der Gedanke, dass das Geld eigentlich eine geistige Idee sei, die ja eng mit dem Gold zusammenhänge. Das war ja auch lange Jahre effektiv der Fall, als das Geld noch durch Goldreserven gedeckt war, aber dem ist ja nicht mehr so. Das Geld führt heute ein Eigenleben, wurde zum Selbstzweck in Form von egoistischen Spekulationen, wie man es an der globalen Finanzkrise bemerkt. Das Märchen, das mit der Brücke über den Fluss endet, ist ein Hinweis auf den „richtigen“ Weg des Geldes, nämlich den als Brücke zwischen füreinander handelnde Menschen, also ein Akt der Liebe.

Johanna Wolf ermöglichte ein intimeres Eintauchen in die Bildersprache des „Märchens“ mittels sprachgestalterischer Übungen. Wir wurden innerlich bewegt durch das Nachsprechen von Sätzen wie: „Schlinge Schlange geschwinde - gewundene Funde wecken weg - gewundene Funde wecken - geschwinde schlinge Schlange weg“. So eine Gruppenerfahrung  kann man nicht wirklich beschreiben, man muss sie erleben.

Die Schlange und die biographische Entwicklung zur Freiheit war das nächste Thema, dem wir uns widmeten. Die wohltätige und die böse Schlange gaben Anlass zu manch interessanter Auseinandersetzung. Die, die es sinnlicher brauchten, waren in allen Pausen mit einer großen Kuchenauswahl wohl bedient.

Das Märchen, szenisch vorgetragen von Johanna Wolf, war der eigentliche Höhepunkt des Wochenendes. Der Saal war in leichtes, grünes Licht getaucht. Über einen schmiedeeisernen Paravent wand sich eine fast 20 Meter lange grasgrüne Schlange, deren Kopf geheimnisvoll über dem Rednerpult lag. Frau Wolf  zog innerhalb von zwei Stunden die ganze Länge der Schlange über das Pult und trug das integrale Märchen, das auf der Schlange aufgeschrieben stand, mit klangbetonter Stimme vor. Die Schlange lag zum Schluss als ein Häufchen vor dem Pult, das Publikum nahm die tiefen Eindrücke mit in den Schlaf.

Am letzten Tag ging es dann schlussendlich um die praktischen Schlüsse, die man aus den vielen Märchenbilder ziehen kann und um ihre Anwendung auf die sozialen Aspekte der Menschwerdung, vor allem dem Kontakt der Jugendlichen mit den Erwachsenen. Die Jugendkräfteverwandlung ist eines der Mysterien, die im Märchen enthalten sind. Die Feedbackrunde ergab verschiedenste Eindrücke: „belebend, bereichernd, dumpf oder wohlig füllend“. Dann wurden die Teilnehmer als menschliche Forscher wieder in den Lebenslauf entlassen.