VOM ARCHAISCHEN ZUM INTEGRALEN BEWUSSTSEIN

BEWUSSTSEINSSTRUKTUREN NACH JEAN GEBSER

Seit Herbst 2008 bietet das „Forum für integrale Theorie und Praxis Berlin“ eine interessante Seminarreihe an, mit folgenden Themen: „Integraler Ansatz von Ken Wilber“, „Arbeit an der sozialen Plastik“, „Big-Mind  Prozess“, „Der integrale Weg“, „Integrale Schattenarbeit“, „Der Weg des Körpers“ oder „Das Modell der Bewusstseinsstrukturen nach Jean Gebser“. Ich entschied mich für Letzteres. Aus dem angekündigten dreitägigen Seminarwochenende wurde schlussendlich eine heterogene, aber doch spannende Mischung: ein Vortrag von Willigis Jäger am Freitagabend in der „Urania“, ein Vortrag und ein Drei-Stunden-Seminar zum geplanten Thema am Samstag mit der Forumseinweihung zwischendurch. Den Sonntag konnte ich für eine Fahrradtour an der Spree nutzen.

Um die heilende Kraft unseres tiefsten Wesens ging es im Vortrag von Willigis Jäger. Durch die spirituell erfahrbaren Wege der Religionen und vertrauensvolles Gebet können Energien wieder zum Fliessen gebracht werden. Liebe besitzt die Kraft, Welt und Menschen zu verändern, Selbstentfremdung aufzuheben und durch inneres Nachhausekommen zu heilen.
 
Am Samstagmorgen konnten wir in einem einladenden Raum in den Rosenhöfen unsere inneren Räume mittels Yogaübungen, die Matthias Ruff einfühlsam leitete, erleben. Anschließend referierte Dagmar Fleischmann, Lehrerin für Integrale Spiritualität und Ausbilderin am Institut Exist in Berlin, über das Entwicklungsstufenmodell von Jean Gebser. Er weist vier Bewusstseinsstrukturen nach, die den heutigen europäischen Menschen konstituieren und die in seiner Kulturgeschichte aufeinanderfolgend in Erscheinung traten: archaisch, magisch, mythisch, mental.  In unserer Zeit ereignet sich der Durchbruch des neuen, des integralen Bewusstseins, dessen Grundthema die Überwindung des Raumes und der Zeit ist.

Der Nachmittag begann mit der Einweihungszeremonie des Forums samt Meditation mit Willigis Jäger. Im anschließenden Workshop ging es darum, die Bewusstseinstrukturen nach Gebser näher kennen zu lernen und durch verschiedene Übungen erfahrbar zu machen.

Den Übergang von der archaischen zur magischen Phase erkundeten wir mit Tiefenentspannung, Erleben der Körperumrisse, Ein- und Ausatmen, Öffnen und Schließen in der Fötushaltung; dies sollte uns zeigen, wie aus amorpher Masse des kollektiven Wir sich auf Körperebene ein Bewusstsein der Individualität formt. Einigen ging das viel zu schnell, da das Erleben des archaischen ozeanischen Geborgenheitsgefühls, dem unbewussten  Einssein mit Allem, nicht klar genug erlebt wurde. Das Körpererwachen der magischen Phase konnten wir auch durch rhythmische Bewegungen bei Trommelklängen nachempfinden, ebenso die unmittelbare Reaktion und die Beeinflussung der Umwelt durch eigenes Trommeln. Geführtes Zeichnen mit beiden Händen und geschlossenen Augen führte uns durch die Bilderwelt der mythischen Phase. Dagmar Fleischmann konnte das kreativ Erschaffene mit ihren Interventionen, die von viel Erfahrung zeugten, für uns Teilnehmer gewinnbringend vertiefen, durch die Verbalisierung unbewusster Prozesse.  Das Benennen des Aspektes, der uns beim Zeichnen wichtig war, und des ersten Eindrucks des Bildes deutete den Übergang zur mentalen Phase an. Doch dann war die Zeit abgelaufen.

Zu bedauern ist, dass wir auch in diesem Seminar mit unseren Erfahrungen dort stehen blieben, wo die Mehrheit unserer Mitbürger noch verweilt: in den rational-mentalen Bereichen. Die integralen Aspekte blieben also der Zukunft vorbehalten, sowie das auch noch mehrheitlich in der Gesellschaft der Fall ist.. Die gemachten Erfahrungen aber wurden von allen begrüßt und ein „integrales“ Gebserseminar ist für nächstes Jahr in Aussicht gestellt.