Freiheit-Gleichheit-Geschwisterlichkeit


     Eine der wohl am wenigsten bekannten „Abteilungen“ der von Rudolf Steiner begründeten Anthroposophie ist die der „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Man könnte auch sagen es ist ihre gesellschafts- sozial- und wirtschaftspolitische Sektion. Die soziale Dreigliederung befasst sich mit dem Zusammenwirken gesellschaftlicher, sozialer und wirtschaftlicher Ideen und ist bestrebt eine Gesellschaftsform zu entwickeln, die nach den Prinzipien der französischen Revolution, nämlich Freiheit- Gleichheit- Brüderlichkeit funktioniert, allerdings in einer sehr viel differenzierteren Form. Freiheit darf z.B. nicht bedeuten, dass jeder tun und lassen kann was er will. Freiheit ist ausschliesslich Ausdruck des Geisteslebens. Hier muss jeder frei sein können. Gleichheit soll auch nicht bedeuten, dass jegliche Individualität unterbunden werden muss. Gleichheit im Sinne der sozialen Dreigliederng bezieht sich nur auf den Bereich des Rechtslebens. Jeder muss vor dem Gesetz gleich sein und Gesetze müssen für alle gültig sein. Desweiteren soll Brüderlichkeit nicht bedeuten, dass jeder alles mit jedem teilen muss, und alle nur das Gleiche besitzen dürfen. Brüderlichkeit gilt für das Wirtschaftsleben und soll bedeuten, dass es einen sozialen Ausgleich geben muss, indem die wirtschaftlich Stärkeren die Schwächeren unterstützen, und es so jedem ermöglicht wird sich ein menschenwürdiges Leben nach seiner Art zu gestalten.

     Zusammenfassend sollen die Gesellschaftlichen Bereiche also folgendermassen gestaltet werden:

Freiheit im Geistesleben ( Kunst, Bildung, Erziehung, Forschung ...)
Gleichheit im Rechtsleben (Justiz, Politik ... )
Geschwisterlichkeit im Wirtschaftsleben (Sozialer Ausgleich, Kranken- und Alters- versicherung, Grundsicherung ..)
 
 

     Was dies alles nun konkret mit der heutigen Gesellschaft zu tun hat hat Christoph Strawe von der Initiative „Netzwerk Dreigliederung
(www.sozialimpulse.de)  versucht kurz und anschaulich darzustellen.
 
 

Was bedeutet „Dreigliederung des sozialen Organismus“ ?

     Die Probleme in vielen Bereichen unserer Gesellschaft verlangen nach durchgreifenden Reformen. Diese Reformen müssen der Freiheit und Mündigkeit des einzelnen Rechnung tragen: Obrigkeitsstaatliche Lösungen sind heute immer weniger tragfähig. Wo der einzelne sein Grundrecht wahrnimmt, aus eigenem Urteilsvermögen heraus zu handeln, dürfen kein Staat und keine Mehrheit ihm das verwehren, solange er die Freiheit anderer achtet. Deshalb steht es dem Staat auch nicht zu, Menschen bestimmte Therapierichtungen oder pädagogische Angebote zu verordnen. Geistige Kultur lebt heute von der Vielfalt unterschiedlicher Initiativen. Selbstverwaltete Einrichtungen in freier Trägerschaft dürfen deshalb in diesem Bereich keine geduldete Ausnahme bleiben, sondern sollten in jeder Weise gefördert werden.

     Zugleich müssen die wirtschaftlichen Probleme angepackt werden. In der gegenwärtige Globalisierung widerspiegelt sich das Zusammenwachsen der Menschen in einem weltweiten Geflecht von Arbeitsteilung und Zusammenarbeit. Dieser Prozess vollzieht sich aber heute weitgehend in den Formen eines gnadenlosen Konkurrenzkampfs, auf Kosten sozialer Gerechtigkeit. Der Sozialstaat gerät dadurch unter den Druck einer übermächtigen, nur an der Vermehrung der Kapitalrendite orientierten Ökonomie. Das Wirtschaftsleben wird jedoch letztlich nur gesunden können, wenn es gelingt, Formen der Zusammenarbeit und des Interessenausgleichs aller Wirtschaftspartner zu entwickeln.
 
     Der Staat wird auf der einen Seite seine Fähigkeit wiedergewinnen müssen, der Ökonomie durch das Recht soziale und ökologische Grenzen zu setzen. Auf der anderen Seite wird er auf alle vormundschaftlichen Eingriffe in das geistige Leben verzichten müssen. Eine konsequente Demokratie muss die Durchsetzung der Menschenrechte im täglichen Leben in den Mittelpunkt alles staatlichen Handelns stellen. Das bedeutet auch, dass es in höherem Maß als heute möglich sein muss, dass Menschen ihre rechtliche Verhältnisse selbst durch Verträge und Vereinbarungen ordnen.

     Eine solche „Dreigliederung" des sozialen Organismus wurde vom Grundansatz her bereits in den Jahren 1917 – 1922 von Rudolf Steiner entwickelt. Ohne eine Entwicklung in dieser Richtung werden die heutigen Probleme nicht in zugleich freiheits- und sozialverträglicher Weise gelöst werden können.
 
 

     Den Gedanken der sozialen Dreigliederung im Bewusstsein kann man die Weltlage aus einem anderen Blickwinkel erfassen, Beispiel Zivilgesellschaft, und was bedeutet sie eigentlich?
Das Institut für soziale Dreigliederung und mehr Demokratie Lëtzebuerg (www.MTK.lu/ideeinstitut) hat sich hierzu Gedanken gemacht
 
 
 

Der Staat, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft und die Demokratie

     Eines der wichtigsten Instrumente zum Erhalt des Friedens ist die Demokratie, denn noch nie in der Menschheitsgeschichte führten Demokratien Krieg gegeneinander. In Staaten wo es sie nicht gibt muss sie entwickelt werden, und in Staaten wo es sie sei langem gibt ist sie weiter zu entwickeln. Demokratie muss lebendig bleiben, sonst stirbt sie ab. Unsere westlichen Demokratien müssen sich weiterentwickeln indem die Bürger immer mehr an Entscheidungen teilnehmen. Die Weiterentwicklung der Demokratie heisst bei uns Wege zu bereiten zur partizipativen Bürgerdemokratie.
 
    In der Welt wie sie sich uns heute zeigt kann man drei gesellschaftliche Ebenen ausmachen, nämlich Staat, Kultur und Wirtschaft. Das 20.Jahrhundert wurde bestimmt vom Zusammenwirken der demokratischen Mehrheiten der Nationalstaaten und den Kräften der Wirtschaft. Dann kam es zur Bildung Transnationaler Wirtschaftsgesellschaften welche sich der Kontrolle der Nationalstaaten mühelos entziehen können. Es resultiert ein Diktat der Wirtschaft über die Nationalstaaten, dem Bündnisse von Staaten entgegen wirken sollen. Es wird aber immer offensichtlicher dass die weltweit agierenden Konzerne sich dieser internationalen Bündnisse bedienen um ihre Interessen durchzusetzen. Das Ergebnis zeigt sich in der Neoliberalen, elitären Globalisierung, deren einziger Zweck ist den Gewinn der transnationalen Konzerne zu maximieren.
 
    Es gibt durchaus positive Aspekte der Globalisierung(Information, sozoiale Standarts, Umwelt ...). Nicht zu akzeptieren ist, wenn nur wenige davon profitieren. Ebenfalls nicht zu akzeptieren ist, wenn die 358 reichsten Menschen auf der Erde ein Vermögen auf sich konzentriert haben, das dem Jahreseinkommen von 45 Prozent der Menschheit entspricht. Inakzeptabel ist, dass eine Milliarde Menschen keine angemessene Wasserversorgung haben, während einige wenige Privilegierte Wasser achtlos verschwenden. Was wir dann haben, ist weder globaler Wohlstand, noch Verständnis und Frieden. Was wir haben, ist elitäre Globalisierung.

    Die elitäre Globalisierung ist die Form der Globalisierung, die das Wohl weniger auf Kosten vieler herbeiführt. Sie wird von einigen wenigen, reichen und mächtigen Menschen befürwortet, die wichtige globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO), den Internationalen Währungsfonds(IMF), die Weltbank und die Organisationen für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lenken. Die Tatsache, dass diese Form der Globalisierung kontrolliert wird von wenigen zum Wohle weniger, rechtfertigt die Bezeichnung «elitär» bzw. undemokratisch.

   Die elitäre Globalisierung fördert den Prozess einer einseitigen wirtschaftlichen Integration, welche die wirtschaftlichen Interessen über die Bedürfnisse der Natur, der Menschen und der Gesellschaft als Ganzes stellt. Deshalb bringt die elitäre Globalisierung, während sie eine begrenzte Form wirtschaftlichen Wachstums fördert, viele unerwünschte Formen des Wachstums hervor (Wachstum der Arbeitslosigkeit, der sozialen Ungerechtigkeit, des Nord- Süd, bzw. des West- Ost Gefälles ...). Das schließt massive Armut für Milliarden von Menschen, weiträumige Umweltzerstörung und wachsende Unruhe und Gewalt in der Gesellschaft mit ein, um nur einige Probleme zu nennen.

   Diese nur auf die Wirtschaft beschränkte elitäre Globalisierung provozierte ein anderes Phänomen, nämlich das des Erwachens der Zivilgesellschaft als Träger der Kultur. Dieser Bereich wurde bislang von den Kräften des Staates sowie den der Wirtschaft kaum beachtet. Die Organe der  Zivilgesellschaft zeigen sich als sehr gut informiert und verlassen das Feld des reinen Protestes um mit großer Kompetenz Lösungen zu erarbeiten. In mancher Hinsicht sind die Experten der Zivilgesellschaft kompetenter als die der Politik und der Wirtschaft. Es muss diesen Tatsachen Rechnung getragen werden und der Zivilgesellschaft das Mitsprache-recht zu geben welches ihm Kraft seiner Kompetenz zusteht. Nur auf diesem Wege ist eine Nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft in eine freie und friedliche Zukunft zu erreichen.

    Es geht darum die drei Bereiche Staat, Kultur und Wirtschaft als gleichberechtigte Partner miteinander zu verbinden damit sie sich gegenseitig verstehen und befruchten können. Hierzu braucht es von allen drei Bereichen Verständnis und Respekt, sowie Regeln im Umgang miteinander. Die Kultur und ihr Ausdruck in der Zivilgesellschaft muss sich emanzipieren und ihre Rechte einfordern. Dies kann sie nur wenn der Staat die ihr zustehende Rolle anerkennt und sie mit den demokratischen Instrumenten ausstattet die ihr zustehen. “Nur das für wahr zu halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich bewegen, die wir uns selbst geben, das ist der grosse Grundsatz der Zeit“(R. Steiner, Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901,Dornach 1966, GA 31).

 John Lippert