ARTIKEL

Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung in der transpersonalen Gesprächspsychotherapie


1. DIE MEDITATIVE PHASE
2. DIE TRANSFORMATIVE PHASE
3. DIE KOMMUNIKATION IM ALLTAG
LITERATURLISTE

AUTOR
ZUSAMMENFASSUNG
SUMMARY
 
 

Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung

in der transpersonalen Gesprächspsychotherapie

- Alfred Groff -




Immer mehr Therapeuten sehen ein, dass eine ganzheitlich wirkende Psychotherapie neben körperlichen, emotionalen, mentalen und systemischen Aspekten, die geistigen , psychospirituellen oder transpersonalen Aspekte nicht vernachlässigen kann, falls sie sich nicht auf reine Symptombearbeitung beschränken will (vgl. Groff 1988-1998). Der Glaube an die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten des Menschen, hin zu wachsender Autonomie sowie personenzentriertes Vorgehen (einfühlendes Verstehen, bedingungslose Wertschätzung, Aufrichtigkeit) dienen dem transpersonalen Gesprächstherapeuten als Richtlinien. Aber auch der transpersonale Wesenskern des Menschen, der sein "Ich"-bezogenes Bewusstsein überschreitet und die Verbindung zu einer übergreifenden geistigen Dimension darstellt, spielt in der transpersonalen Gesprächspsychotherapie eine wichtige Rolle, um mehr als kurzfristige Resultate bzw. Scheinlösungen zu erreichen. Eine ganzheitliche Bewusstseinsentwicklung soll daher zusätzlich zu einer erhöhten Lebensqualität angestrebt werden.

Die transpersonale Gesprächspsychotherapie ist als Prozess zu verstehen, der folgende Elemente beinhaltet : "M"-editation, "T"-ransformation und "K"-ommunikation ("MTK-Prozess"). Bei dieser Entwicklung sollen die geistigen sowie die sinnlichen Ebenen in Einklang gebracht werden, Sicherheit und Freiheit, zwei Grundbedürfnisse des Menschen, sollen dabei befriedigt werden. Die Sicherheit in einem tragenden, sinnvollen Ganzen eingebettet zu sein ist ebenso wichtig, wie die Freiheit die Verantwortung für die bewusste Gestaltung des eigenen Lebensweges übernehmen zu können.
 
 

1. DIE MEDITATIVE PHASE

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Die Phase der "Meditation" ist gekennzeichnet durch Loslassen der üblichen Gedanken, die im Alltag dominieren. Stille Achtsamkeit ohne Absicht, ohne Erklärung, ohne Bewertung begünstigt das Hören der eigenen inneren Stimmen, die sonst unbeachtet bleiben. Geschehenlassen heisst nur beobachten, was sich auf körperlicher, seelischer oder mentaler Ebene zeigen will. Was sich manifestiert, hat immer mit dem Beobachter zu tun und weist ihn auf Themen hin, die für ihn und seine Entwicklung von Wichtigkeit sind. Die Möglichkeit, seine Probleme im eigenen Inneren anzugehen, bietet eine grosse Chance: die Unabhängigkeit von aussen, welche einerseits Freiheit bietet, aber andererseits auch die Verantwortung fordert, die Probleme selber zu lösen.

"Selig die Bettler um Geist, in sich selber finden sie das Reich der Himmel. Selig, die das Erdenleid tragen,"in sich selber finden sie den Geistestrost. Selig, die ihre Seelen zum Gleichmut erziehen, im eignen Ich empfangen sie den Sinn der Erde" (Mathäusevangelium 5, 3-6; Uebersetzung Emil Bock).

Der Klient beziehungsweise seine innere Weisheit sind die eigentlichen Experten und nicht der begleitende Therapeut. "Der Therapeut erkennt immer wieder, dass die vorwärtsbewegende Tendenz des menschlichen Organismus die Grundlage ist, auf die er sich zutiefst und grundsätzlich verlässt " (Rogers, 1973a, S. 423).

Der Therapeut schafft nur bestimmte psychologische Bedingungen, in denen die Selbstaktualisierungstendenzen und damit die Selbstheilungskräfte des Klienten zur Entfaltung kommen können. Neben den oben genannten Verhaltensmerkmalen des Therapeuten, spielt die Art und Tiefe seiner meditativen Haltung und Verankerung eine tragende Rolle im Therapieprozess. Diese ermöglichen es ihm in Kontakt mit transpersonalen Kräften zu sein, die den therapeutischen Prozess unterstützen können, denn sie übersteigen bei weitem die personalen Kräfte eines einzelnen Therapeuten. Zusätzlich fördert die Resonanz des Klienten auf diese transpersonalen Kräfte wiederum den therapeutischen Prozess.

Zunächst muss also Kontakt aufgenommen werden zu Informationen, die im Unbewussten gespeichert sind. Der Zugang zu diesen Informationen ermöglicht eine freie Wahl der Reaktionen. Es muss also nicht abgewartet werden, bis äussere Geschehnisse oder auch körperliche Leiden eine Reaktion erzwingen. Denn in diesem Falle ist die Wahlmöglichkeit viel eingeschränkter. Der erste Schritt besteht im Überwinden der gewohnten Gedanken, die ständig ungezügelt im Rahmen von fixen Vorstellungen von Thema zu Thema, mal in der Vergangenheit, mal in der Zukunft umherspringen. Es gilt die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, frei schwebend bzw. auf ein ausgesuchtes Objekt oder Thema gelenkt. "Erkenne die Dinge lediglich als das, was sie sind, denn so sieht die unendliche Weite immer alle Dinge. Gedanken sind Gedanken. Gefühle sind Gefühle. Der Körper ist nur der Körper. Es ist die Interpretation des Verstandes, die dazu führt, dass Leiden ensteht" (Segal, 1997, S.165).

Fragt man jemanden nach der Definition des Wortes "die Aufgabe", so wird die Mehrzahl der Befragten sogleich an eine zu erbringende Leistung denken. Dabei kann das Wort auch bedeuten "jemand gibt auf", er lässt geschehen. Dies weist auf den unterschiedlichen Gebrauch der rechten und linken Hirnhälfte hin. Das Wissen der alten Weisheitslehren wurde durch einseitige Wissenschaftsgläubigkeit ersetzt. Das Loslassen ist überhaupt ein Thema, das vielen Menschen Unbehagen bereitet, da es sie in gefährliche Nähe des Themas "Tod" bringt, und somit die Angst vor den geistigen Realitäten hervorruft. Aber genau diesen gilt es sich zu stellen , da sie einen wesentlichen Teil unseres menschlichen Daseins ausmachen. "Der Mensch ist Bürger zweier Welten: der raumzeitlich bedingten, die dem Verstand und seinem technischen Zugriff zugänglich ist, und der Wirklichkeit seines Wesens, die jenseits ist von Raum und Zeit und die nur unserem Bewusstsein und nicht dem gegenständlich fixierenden Verstand sich erschliesst" (Dürckheim, 1989, S. 42).

Das einseitige Haften am Materiellen und am Leistungsprinzip sowie das "Bewerten", die "Projektionen", die "fixen Erwartungen und Denkschemata" hindern Klienten am Zugang zu den unbewussten, abgedrängten Informationen. Diese jedoch sind mitbestimmend für die vorhandene Lage und tragen den Schlüssel zur Änderung in sich. Ayya Khema schreibt (1995, S. 66f.): "Der Buddha hat den Uebungspfad die 'fünf edlen Mächte‘ genannt. Beim ersten Schritt erkennen wir in dem, was uns unangenehm erscheint, und was wir ablehnen, auch das Annehmbare und Liebenswerte. " Natürlich handelt es sich dabei zum grössten Teil um Menschen und ihre Eigenheiten, aber es betrifft auch alle Ereignisse in unserem Leben, ob gross oder klein. Wertvoll ist beispielsweise die Lernsituation, die sich aus unserer Ablehnung entwickelt."

Die "Heldentat", die es zu bewältigen gibt, entspricht derjenigen von Herakles im griechischen Mythos. Pallas Athene spricht folgende Worte zu ihm: " Die Pferde des Diomedes hast du bewältigt - von nun ab wirst du die allerwildesten Rosse, die es gibt, zu bändigen vermögen und jedes von ihnen mit besonderem Zügel lenken können, nämlich deine Gedanken, deine Gefühle und deinen Willen. Nicht mehr werden sie durcheinanderspringen, mit Mäulern und Hufen einander Wunden zufügend. Nein, als ein gutes Gespann werden sie einträchtig gehorchen, dir selber zum Ruhm, uns Himmlischen zur Lust" (Schwab und Eigl, 1955, S.124). Die meditative Haltung, die unbekannte Aspekte des Klienten zum Vorschein bringt, ist die Voraussetzung für sein Weiterkommen auf dem Weg zu bewussteren Entscheidungen. So kann er vermeiden, einfach der Spielball der Gegebenheiten oder schlechtgesinnter Mitmenschen zu sein. "Wenn wir den einzelnen aus seiner Abwehrhaltung befreien können, damit er für das breite Spektrum seiner eigenen Bedürfnisse wie auch für die umfangreiche Reihe der Forderungen aus Umwelt und Gesellschaft offen ist, dann können wir uns darauf verlassen, dass seine Reaktionen positiv, vorwärtsgerichtet, konstruktiv sein werden" (Rogers, 1973b, S.422). Für Rogers ist die "fully functionning person" offen für die eigenen Erfahrungen und frei von Abwehrhaltungen.

Der Zugang zu den in ihm vorhandenen unbewussten Informationen, muss nicht bei jedem Menschen der gleiche sein. Er kann sich äussern in Worten, Bildern, Gefühlen, Wertungen, Ahnungen, nicht beschreibbarem Initialerleben, Körperempfindungen oder der Körpersprache. In diesem Zusammenhang ist die von Gene Gendlin entwickelte personenzentrierte, körperorientierte Technik des "Focusing" zu erwähnen. Das "Focusing" ist ein Weg zu den verborgenen Aspekten des Menschen. Dabei werden die aus dem Inneren auftauchenden Informationen begrüsst und geachtet auf eine Art und Weise, wie man etwa einem scheuen Reh begegnen würde. Drängeln oder Erzwingenwollen sind fehl am Platz. Der Klient kann sich mit angstbesetzten Themen anfreunden und genau diese Freundschaft kann ihm äusserst hilfreich sein. Durch verschiedene Meditations- oder Atemtechniken kann er innere Bilder an sich vorbeiziehen lassen und sie anschauen. Manchmal sind es vielmehr innere Impulse als klare Bilder die auftauchen.

Eine Methode die genannten Impulse in äussere Bilder umzusetzen, ist die Technik des "geführten Zeichnens" aus der initiatischen Therapie (Dürckheim, Hippius). Das Zustandekommen und das Betrachten der intuitiv gemalten Zeichnungen können dem Klienten Anstösse auf dem Weg zu sich selbst schenken. Alles was aus ihm selbst auftaucht, hat mit ihm zu tun und kann ihn weiterbringen. Manchmal will er spontan Teile davon nicht in sich wahrhaben oder sich ihrer schnell entledigen. Aber auch in ihnen ist eine Chance zur Selbsterfahrung enthalten. So erleben viele zum Beispiel Angst als Behinderung, aber dieselbe Angst kann in verschiedenen Situationen auch ein wichtiges Signal darstellen.

Vor allem Ansätze, die das Spirituelle mit dem Körperlich-sinnlichen verbinden, d.h. welche einen günstigen Einfluss darauf haben, dass das Geistige körperlich erlebbar wird, erweisen sich als sinnvoll und hilfreich.
 
 

2. DIE TRANSFORMATIVE PHASE

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Die Erfahrungen mit den, aus dem Inneren aufgetauchten, Informationen, müssen nun in Zusammenhang mit einem vom Klienten ausgewählten, für ihn relevanten Thema gebracht werden. Falls diese Informationen eine Relevanz für die Selbststruktur des Klienten haben und nicht einfach ignoriert werden, versucht dieser sie in seine Selbst-Struktur zu integrieren ("symbolisieren"). Gelingt ihm dies nicht, werden sie verzerrt , verleugnet oder auf andere projiziert. Wichtig ist, dass ein Klima ensteht, in dem der Klient seine innere Welt mit ihren angstauslösenden Aspekten Schritt für Schritt erforscht. "Da das Selbst bei jedem Schritt seiner Exploration und bei jeder Veränderung, die es erkennen lässt, akzeptiert wird, ist offenbar eine allmähliche, langsame und ungefährliche Exploration möglich, und Erfahrungen, die bis dahin verleugnet worden waren, werden vorsichtig und zögernd akzeptiert" (Rogers, 1973a, S.446). Im "Focusing" geht der Klient in kleinen Schritten, welche immer wieder mit der inneren körperlichen Resonanz verglichen werden, vorwärts. Er wird dabei lernen, seine gewohnten Denkschemata zu transformieren.

Im seelisch-mentalen Bereich finden die meisten Menschen einiges vor, was nicht wirklich ihrem eigenen Anliegen entspricht. Es wurde aufgebaut, um innere Impulse vor zu starken Ausseneinflüssen zu schützen, um den Mitmenschen zu gefallen und ihre Liebe zu erlangen, oder es wurde einfach gelernt und übernommen. Dabei kommt es zu Gewohnheiten, die den Menschen nicht richtig zufriedenstellen oder zu fixen Vorstellungen, die ihm das Leben erschweren und die zu Unflexibilität, Spannungen, Unwohlsein, Angst oder gar zu Krankheiten führen. Diese gelernten Muster gilt es aufzulösen und die gespürten, wiederentdeckten Impulse zuzulassen, m.a.W. , das "innere Kind" darf endlich wieder zu Wort kommen.

Der Therapeut sollte ein Klima schaffen, das dem Klienten ermöglicht diese "neuen" Sichtweisen zuzulassen und seiner aktuellen Situation entsprechend umzusetzen. Dabei können Konzepte aus der Persönlichkeitspsychologie als sinnvolle Orientierungs- und Einordnungshilfe dienen. Seit jeher gibt es Versuche die verschiedenen Dimensionen der Persönlichkeit des Menschen zu beschreiben. Bereits vor Jahrhunderten endeckten Astrologen 12 Kategorien die zur Beschreibung der Persönlichkeit dienen können; ebenso Cattell, einer der bekanntesten Wissenschaftler in dem Bereich der Persönlichkeitsforschung. Er ermittelte anhand der Faktorenanalyse zwölf Hauptpersönlichkeitsfaktoren (A-C, E-I, L-O). Man kann diese auch als "innere Teilpersönlichkeiten" bezeichnen. Viele Wissenschaftler benutzen zur Beschreibung der Persönlichkeit bipolare Beschreibungsdimensionen, worauf der einzelne Persönlichkeitszug zwischen zwei gegenüberliegenden Extremen eingeordnet werden kann. Ist eine Teilpersönlichkeit besonders stark ausgeprägt , also einem Extrem der Achse besonders nahe , gibt es eine ihr polar gegenüberliegende Teilpersönlichkeit, die verdrängt wurde und die oft nur als Projektion auf andere Mitmenschen erlebt wird. Schreibt sich jemand etwa eine besondere Friedfertigkeit zu , sieht er die Unruhestifter, die seinen Frieden bedrohen, im Aussen. Seine eigenen agressiven Impulse bemerkt er nicht, obschon sie ihm in bestimmten Situationen sicher von Nutzen sein könnten, würde er sie als Teil von sich akzeptieren. Keine der Teilpersönlichkeiten, wie störend auch immer sie erlebt wird, kann abgelegt werden. Jedoch deren Erleben kann verändert werden. Ein ausgeglichenes Gefühl kann demnach nur durch die Balance zwischen den verschiedenen Persönlichkeitsaspekten erreicht werden.

Wie kann ein Klient seine Teilpersönlichkeiten und deren Beziehungen untereinander kennenlernen, d.h. sie bewusst werden lassen ? Konzepte der Teilpersönlichkeiten gibt es in verschiedenen therapeutischen Richtungen: bei der Gestaltarbeit, im Psychodrama, in der Transaktionsanalyse, in der Jungschen Analyse, in der NLP, wie auch bei einer der ersten europäischen transpersonalen Richtungen, nämlich der Psychosynthese Assagiolis. Auch auf der Basis des klientenzentrierten Ansatzes wird die Arbeit mit Teilpersönlichkeiten von Alwin Hammers (1992) beschrieben. Indem er das Verhalten und das Erleben der Klienten in ihrem Gesamtzusammenhang sieht, lässt er, in einer innersystemischen Sichtweise, den Fokus der Betrachtung auf die innere Kommunikation rücken. Der Klient kann so erleben, dass er sich vieles selber antut, was er an seiner Umwelt beklagt. Dadurch kann er die Verantwortung für eine Veränderung übernehmen. Hammers benutzt hierzu folgendene Vorgehensweise: es wird eine sogenannte innere Konferenz mit festgesetztem Thema einberufen, in welcher der Therapeut die Rolle eines neutralen Moderators übernimmt. Der Autor hält diese Arbeitsweise, mit Blick auf eine differenzierte Selbstorganisation der menschlichen Verarbeitung, für sehr effektiv.

Hervorzustreichen bei dieser Methode ist die dynamische Auseinandersetzung der Teilpersönlichkeiten mit dem Ziel einen Kompromiss zu finden, der alle beteiligten Persönlichkeitsaspekte zufriedenstellt. Als Resultat wird sich der Klient in seiner Gesamtheit als zufriedener, mehr in Frieden mit seiner eigenen Wesensnatur, erleben.

Eine andere Form der Arbeit mit inneren Stimmen oder Teilpersönlichkeiten ist die "Voice Dialogue" Methode, welche Stone und Stone (1995) als ein Werkzeug für Transformation definieren. Im "Voice Dialogue" spielt das bewusste Ich ("Aware Ego") eine eigenständige Rolle als innerer Zeuge, die es von den Teilpersönlichkeiten unterscheidet. Es ist die Instanz, die die Entscheidungen trifft. "Voice Dialogue" ist ein Ansatz zur Entwicklung des Bewusstseins.

Hervorzuheben ist dabei der Kontakt des "bewusst beobachtenden Ichs" einerseits mit den Teilpersönlichkeiten, andererseits mit dem transpersonalen Bereich. Dieser ermöglicht die Verbindung zwischen den "irdischen" Problemen und deren Lösung mit einer bewussten, transpersonalverankerten Entwicklung. Dabei ist die Verankerung im transpersonalen Bereich für den Klienten, ebenso wie für den Begleiter oder Therapeuten, von allergrösster Bedeutung. Hier kann man an die Erkenntnisse Ken Wilbers (1997) über den Zusammenhang der Tiefe der "Holons" (Entität die selbst ein Ganzes und gleichzeitig ein Teil von einem andern Ganzen ist) und der Höhe der Bewusstseinsentwicklung, aber auch der zunehmenden Möglichkeiten von Fehlentwicklungen und deren therapeutischer Behebung, anknüpfen. Er spricht bezüglich der individuellen Pathologie von einer Kluft zwischen Haupt-Selbst und den kleinen dissozierten Selbsten.

Zuletzt soll noch auf die expressiven, energetischen Aspekte auf verschiedenen Ebenen bei der Transformationsarbeit hingewiesen werden. Diese spielen ebenso beim "Voice Dialogue", wie auch beim klientenzentrierten "Focusing" eine wichtige Rolle. "Focusing" lässt es, im Gegensatz zu traditionellen Formen der Gesprächspsychotherapie, nicht beim Verbalisieren von Gedanken und Emotionen. Dies unterstreicht Wiltschko (1995, S. 23f.) folgendermassen: "Häufig bitten wir Klienten auch, das, was sie verbal mitteilen, körperlich zu tun "Zur Focusing-Therapie gehört genauso dazu z.B. zu sitzen, zu imaginieren und zu malen; oder zu stehen, sich zu bewegen, zu fühlen und zu sprechen; oder zu liegen und gehalten zu werden."

3. DIE KOMMUNIKATION IM ALLTAG

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Graf Dürckheim unterstreicht, dass sich der innere Weg und das äussere Werk nicht ausschliessen, sondern einander bedingen und im Alltag miteinander zu versöhnen sind. "Reifen meint ewigen Umschwung " Und nur aus der Treue zur Verwandlung ohne Aufenthalt gibt es existentiell gültige Wachheit, Loslassen, Hergeben, Einswerden, Neuwerden und Bezeugung im Alltag" (Dürckheim, 1989, S.135). Der Klient hat den inneren Kern gespürt und Auswirkungen auf verschiedene innere Ebenen näher kennengelernt. Nun wird es wichtig, das Erlebte praktisch in seinem Alltagsleben umzusetzen und zwar in Kommunikation mit seinen Mitmenschen. Es geht also um die Verbindung und die Integration von dem Innen und dem Aussen, dem Individuellen und dem Sozialen (vgl. Vier Quadranten bei Wilber, 1997). Der Therapeut muss langsam durch den inneren Therapeuten ersetzt werden. Der Klient muss fähig werden, bewusst mit seiner inneren Realität zu kommunizieren und zunehmend die Verantwortung für all seine Persönlichkeitsanteile und deren Äusserungen zu übernehmen. Ebenso muss die transpersonale Verankerung, vom Therapeuten vorgelebt, nun eigenständig im Klienten herstellbar sein. So wird die Lösung von persönlichen Problemen im Alltag nicht mehr trennbar sein von der bewussten Entwicklung zum eigenen Wesensgrund. Innere Selbsterkenntnis und äussere Selbstverwirklichung arbeiten dann Hand in Hand.

In jeder zwischenmenschlichen Beziehung können Elemente des therapeutischen "MTK-Prozesses" als Kommunikationsstrategien im Alltag angewendet werden, so etwa:

- Im Alltag immer wieder Momente der Besinnung, der Stille, des Mitschwingens, der
Verbundenheit mit dem Wesensgrund suchen: Etwa in der Kunst oder in
der Natur, allein oder in der Begegnung.

- Nicht direkt reagieren, sondern zuerst genau hinhören und geschehenlassen. Ein
paar Sekunden können schon genügen. Den inneren Zeugen beobachtenlassen,

was im Hier und Jetzt ausgelöst wird, statt sich mitreissenzulassen von Stimmungen,
angelernten Uebertragungen, Widerständen, Vorurteilen, usw..

- Sich in sich und den anderen Menschen hineinversetzen und hineinfühlen. Genau
Hinhören: Was will er mir sagen? Zwischen welchen verschiedenen Wünschen in mir
bin ich hin- und hergerissen ? Welche Konsequenzen hat dies für den andern, für
mich ? Mit mir selbst in Kommunikation stehen (Ein Tagebuch kann dabei eine
nützliche Hilfe sein). Zum Schluss klar ausdrücken, was ich will; eventuell nachfragen,
ob ich richtig verstanden wurde.

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch folgende Antworten auf die Grundfragen der menschlichen Existenz und Reifung von Jean Gebser (1996, Gesamtausgabe, Bd.V,Teil II, S.62) :

"- Anstelle der Hektik tritt die Stille und das Schweigenkönnen;

- anstelle des auschliesslichen Zweck- und Zieldenkens tritt die Absichtslosigkeit;

- anstelle des Machtstrebens tritt Hingabe und echte Liebesfähigkeit;

- anstelle des quantitativen Leerlaufs tritt das qualitative geistige Geschehen;

- anstelle des menschlichen Ordnens, der Organisation, tritt das 'In-der-Ordnung-sein‘

- anstelle der Vorurteile tritt der Verzicht auf Werturteile, also statt Kurzschluss
unsentimentale Toleranz;

- anstelle dualistischer Gegensätze tritt die Transparenz;

- anstelle der Handlung tritt die Haltung;

- anstelle des homo faber tritt der homo integer (der integrierte Mensch);

- anstelle des gespaltenen Menschen tritt der ganze Mensch;

- anstelle der Leere der begrenzten Welt tritt die offene Weite der offenen Welt."

Alles, was der Klient im therapeutischen Prozess erfahren hat, hat schlussendlich seinen Sinn erst erreicht, wenn es sich im Alltag bewährt. Eine bewusste Integration der Erkenntnisse soll neue Entscheidungsmöglichkeiten und ein verantwortliches Umsetzen in grösserer innerer Freiheit erlauben. Das Kommunizieren mit der Umwelt, das Geben und Nehmen, soll in Einklang mit der inneren, transpersonalen Natur geschehen können. "Steh auf, nimm dein Bett und geh !" (Jesus)

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LITERATURLISTE

Dürckheim, Karlfried Graf : Das Tor zum Geheimen öffnen , Herder, Freiburg 1989.

Gebser, Jean : In: Wehr, Gerhard (Hg.): Jean Gebser-Individuelle Transformation vor
dem Horizont eines neuen Bewusstseins, Via Nova, Petersberg 1996

Groff, Alfred : °Humanistische Psychologie: Veränderung von innen und aussen,
Psynfo 18, 3/1988

°Humanistische Psychologie als Anstoss zum Handeln unter einem
neuen, vertieften Bewusstsein in der Heimerziehung, Bulletin ANCE
64,12/1988
°Geben und Nehmen – Der Mensch im Mittelpunkt von Psychologie,
Politik und Wissenschaft, Psynfo 31, 6/1990
°Humanistische und transpersonale Psychologie in der Sozialarbeit,
Psynfo 44-45, 6/1992

°Tranpersonale Gesprächspsychotherapie : Der MTK-Prozess, Psynfo
74-75, 9/1997 (Vol.13/No 4-5)

° Meditation-Transformation-Kommunikation: Was ist transpersonale
Gesprächspsychotherapie ? MTK-Info 2-4 , 1998/99

Hammers, Alwin : Der systemische Ansatz in der Psychotherapie in : Handbuch der
Psychologie für die Seelsorge (Blattner J. et al., Hrsg.) , Bd. 2,
Düsseldorf 1993

Khema, Ayya : Das Grösste ist die Liebe, Jhana, Uttenbühl 1995

Rogers, Carl: °Die klient-bezogene Gesprächstherapie, Kindler, München 1973a
°Entwicklung der Persönlichkeit, Klett, Stuttgart 1973b

Schwab, Gustav & Eigl, Kurt: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums,
Südwest , München 1955

Segal, Suzanne: Kollision mit der Unendlichkeit. Ein Leben jenseits des persönlichen
Selbst, Context Verlag, Bielefeld 1997.

Stone, Hal & Stone, Sidra: Du bist Viele, Das 100fache Selbst und seine Entdeckung
durch die Voice-Dialogue-Methode, Heyne, München 1994

Wilber, Ken: Eine kurze Geschichte des Kosmos, Fischer, Frankfurt am Main 1997

Wiltschko, Johannes: Focusing-Therapie, GwG Zeitschrift, 98, 1995
 
 

AUTOR: Alfred Groff, Dr.phil. (* 1955)

Doktorat in Psychologie, Psychopathologie & Psychiatrie; Gesprächspsychotherapeut;

Vorsitzender der "Gesellschaft für wissenschaftliche Psychotherapie und Forschung a.s.b.l. (GPF)"

Vorsitzender der Vereinigung "Main transpersonale Kaer, dé-tr-esse a.s.b.l. (MTK) ", des "Spiritual Emergence Network Luxemburg" (MTK-SEN) und der "Transpersonalen Gesellschaft Luxemburg" (MTK-LTG).

Mitbegründer der "Luxemburger Gesellschaft für Psychologie (SLP)" sowie der "Luxemburger Gesellschaft für klinische Psychologie und Psychotherapie (SLPCP)";

Leiter verschiedener Beratungsstellen im psycho-sozialen Bereich.
 
 

ZUSAMMENFASSUNG

Die transpersonale Gesprächspsychotherapie ist eine personenzentrierte Form der Psychotherapie. Mittels Körpererfahrungen, kreativen Erlebnissen, Gesprächen und Hören auf den inneren transpersonalen Kern, wird ein sich entwickelndes Bewusstsein angestrebt. Der "MTK-Prozess" beinhaltet folgende Elemente: "M"-editation (Erfahren körperlicher, emotionaler, mentaler und transpersonaler Ebenen durch Loslassen und Achtsamkeit ohne Absicht), "T"-ransformation (Infragestellung von erlernten festgefahrenen Erwartungen und Bewertungen sowie Arbeiten mit den inneren Teilpersönlichkeiten) und "K"-ommunikation (Bewusste Integration der Erkenntnisse, die eigenverantwortliches, freies Handeln im Alltag und eine erneuerte Kommunikation mit den Mitmenschen ermöglichen). Die Wichtigkeit des Bewusstseins der inneren personalen Energien, sowie der Verbundenheit mit der transpersonalen Realität auf seiten des Therapeuten , wird unterstrichen.

Mögliche Schlüsselworte: Psychotherapie, Psychotherapeut, Transpersonale
Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie, Spirituelle Psychotherapie
 
 

SUMMARY

TRANSPERSONAL CLIENT CENTERED PSYCHOTHERAPY

The "Transpersonal Client-centered Psychotherapy" is influenced by the Rogerian client-centered approach and by the transpersonal psychology (Maslow, Wilber, Grof, Dürckheim a.o.). Body experiences, creative exercices, therapeutic conversation and listening to the inner higher self incite a process of conscious development. This process is characterized by the following elements: Meditation (listening to inner messages on different levels without intention), Transformation (Letting go old patterns, fixed ideas, expectations and jugments as well as working with inner sub-personalities) and Communication (conscious integration of the experiences made, which allow a more free self-responsible acting and communication with others in every day life). It is important for the therapist to be conscious of his personal inner energies, as well as being connected with the spiritual reality.

Possible key words: Psychotherapy, psychotherapist, transpersonal psychotherapy, client-(person-) centered psychotherapy