Tetraedrische Perspektiven zur sozialen Dreigliederung
(Goetheanum-Titel in No 18 vom  2. Mai 2008 : „Anthroposophsein heute“)
-Alfred Groff-

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Drei- und Viergliederung, stießen wir in unserer luxemburgischen Dreigliederungsinitiative (http://www.mtk.lu/ideeinstitut.html) auf das Tetraeder, den platonischen Körper, der in seiner Struktur gleichzeitig die Drei (Dreiecke) und die Vier (vier Flächen) beinhaltet.

Eines der Hauptprobleme der Menschen- und Welterkenntnis besteht darin, nur einen Teilaspekt der Wirklichkeit zu erkennen und diesen als das Ganze auszugeben. Der kreative Umgang mit dem Tetraeder kann helfen Perspektivenwechsel vorzunehmen und dazu hat sich die „Meditativ-Tetraedrische Kreativitätsübung“ als hilfreich erwiesen. Man stelle sich ein Tetraeder vor mit  einem beliebigen Begriff als Spitze des Tetraeders. Was stellen die drei Seiten des Tetraeders dar? Was kann die Basis, also das Vierte sein?

Ausgehend von dieser Übung haben wir ein Doppeltetraeder als Vorstellungsmodell des Menschen herangezogen: Von seiner Basis aus stülpe man ein Tetraeder über seine Spitze, so dass beide zusammengedacht ein Doppeltetraeder bilden, das sich mit den jeweiligen Spitzen berührt. Das obere Dreieck des oberen Tetraeders stellt die Zirkulation des Bewusstseins (mit Eckpunkten: Wachsein, Träumen und Tiefschlaf) als Diener des Ichs dar. Es ist das Tor zu der überindividuellen geistigen Dimension. Die drei Tetraederkanten des oberen Tetraeders stellen die individuellen Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen dar. Das obere Tetraeder zeigt die Verankerung des Menschen im Inneren, in seiner Seele, das untere Tetraeder zeigt seine Verankerung im Außen, im sozialen Organismus. Die Kanten des unteren Tetraeders stehen für das kulturelle, staatliche und wirtschaftliche Leben der Gesellschaft. Die drei Eckpunkte des Basisdreiecks können die sichtbaren systemischen Aspekte dieser Bereiche (Institutionen), z.B. Schulen, Parlamente oder Fabriken darstellen. Zwischen ihnen zirkuliert das Geld auf eine „krankhafte“ oder harmonische Art und Weise in Form von Leihgeld, Kaufgeld und Schenkgeld. Das Basisdreieck des Menschenmodell steht auf der Erde (in der Natur) und ist nicht sichtbar. Man kann sich fragen welche „unsichtbaren“, oder „schattenhaften“ Aspekte hier ins Bewusstsein zu rufen sind. Die Nähe zur Geldzirkulation wirft gerade in diesem Zusammenhang interessante Fragen auf.

Wie hängen Aktivitäten in den verschiedenen gesellschaftlich-sozialen Gliedern mit denjenigen meiner Seelenglieder zusammen und mit den Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“? Wie sieht meine individuelle Praxis aus?

Schauen wir uns genauer, an wie das untere Tetraeder  als Landkarte einen Menschen, der sich in Sachen Dreigliederungsbestrebungen im globalen Zeitalter engagiert, inspirieren kann. Dazu einige persönliche Fragebeispiele. Dies betrifft sowohl die Schulung und Anwendung meiner individuellen Fähigkeiten, meine Beziehungen im privaten und im allgemeinen, meine Bedürfnisse im Verhältnis zu denen meiner Mitmenschen sowie meinen gesunden Umgang mit Geld.

Fragen zur kulturellen Kante und zur rechtlich-staatlichen Beziehungskante des Tetraeders:
· Sorge ich mich aktiv um die Bildung und Weiterbildung meiner Fähigkeiten?
· Nimm ich alle möglichen Perspektiven ein bevor ich urteile und handle?
· Pflege ich meine Beziehungen? (privat, lokal, national, weltweit)
· Bin ich in Selbstverwaltungsprojekten aktiv?
· Unterstütze ich Bestrebungen für Direkte Demokratie?
· Bin ich politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv?

Fragen zur wirtschaftlichen Kante und den Kanten der Tetraederbasis (Geldthemen):
· Möchte ich mein Geld ohne Leistung vermehren?
· Möchte ich manchmal möglichst billig kaufen?
· Vertraue ich auch Unbekannten etwa in einem Tauschring?
· Bin ich bereit meine Überschüsse für soziale, ökologische oder kulturelle Kredite zur Verfügung zustellen?
· Denk ich über das Verhältnis von Arbeit und Einkommen nach?
· Kann ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen als sinnvollen Ansatz vorstellen?

Den Menschen der Zukunft möchte ich durch drei Eigenschaften charakterisieren: Einsicht (Bewusstsein), Mitgefühl (Empathie) und die entsprechenden Handlungen (Alltagspraxis) . Was verlangt die Zukunft von mir ? Wenn ich im Hier und Jetzt die richtigen Fragen stelle, so erhalte ich aus der Zukunft die Antworten, die es mir ermöglichen, statt auf mehr Liebe zu hoffen, mehr Liebe ("Brüderlichkeit") zu verschenken.

Dazu abschließend Rudolf Steiner: „Was der Mensch in den höheren Regionen des Übersinnlichen erhalten wird, ist nichts, was zu ihm kommt, sondern lediglich etwas, das von ihm ausgeht: die Liebe zu seiner Mitwelt.“ GA10, S.214