« Der gemischte König … »

Ein Hinweis au lesenswerte Bücher

Anstatt einige Rezensionen hintereinander zu publizieren, möchte ich auf eine persönlichere Art und Weise auf einige lesenswerte Bücher aufmerksam machen. Es handelt sich dabei um die drei letzten Bücher „die mir über den Weg liefen“. Man kann sie jeweils dem Geistes-, dem Rechts- oder dem Wirtschaftsleben zuordnen.

Zunächst wäre da ein Roman, der dem künstlerischen Impuls des Stuttgarter Schriftstellers Andreas Eschenbach entsprang, nämlich „Eine Billion Dollar“ (Bastei Luebbe, 2003). Der Held des Romans, John Fontanelli, ein Pizzalieferant, erbt eine Billion Dollar, aber das Testament legt ihm die Verantwortung auf, den Menschen ihre verlorene Zukunft zurückzugeben. Die Geschichte ist nicht nur spannend, sondern auch sehr lehrreich, weil die angeschnittenen Themen gut recherchiert sind, Themen die auch bekannte Themen dieses Rundbriefes sind: Globalisierung, Wirtschaftswachstum, „Geldfehler“ und Geldvermehrung, Steuern (Rohstoff- statt Einkommenssteuer,  Tobinsteuer ...),  Demokratie und Referenden, ... aber auch Themen wie Lebenssinn und geistige Fragestellungen. „Multinationale Konzerne sind mächtiger  als Nationalstaaten geworden“, aber ... „ es gibt nur eine wirkliche Macht  auf diesem Planeten... das Volk“ oder von  „Neuordnung des globalen Finanzsystems“ ist da die Rede oder wie meint da die Hauptfigur: „Das wollen wir immer, nicht wahr ? Gerechtigkeit für alle, aber Sonderrechte für uns“.  Der Autor bringt es fertig diese oft nicht einfach zu vermittelnden Themen auch Laien auf eine verständnisvolle Art und Weise nahezubringen und mehr als nur einmal muss man sich die Frage stellen „Wie würde ich anstelle der Hauptfigur des Romans reagieren ?“ oder „Wie gehe ich mit Verantwortung und Macht um ?“

Dass manche Themen aus dem vorigen Buch nicht nur Fiktion, sondern bittere Realität sind dokumentiert ein Buch aus dem Wirtschaftsbereich, nämlich eine Publikation der Autoren Klaus Werner und Hans Weiss: „Das neue Schwarzbuch Markenfirmen: Die Machenschaften der Weltkonzerne“ (Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, 2003).„Dieses Buch wird Sie wütend machen !“ verspricht der Buchdeckel, denn „ Adidas, Aldi, Bayer, McDonald’s, Nike, Siemens, Shell ... unsere beliebtesten Marken gründen ihre Profite auf Ausbeutung, Kinderarbeit, Krieg und Umweltzerstörung.“ Konkrete Namen und Fakten werden angeführt. Klar wird hier, wer dafür drauf zahlen muss, damit bei uns die Produkte um ein paar Cent billiger sind, aber auch dass „Geiz ist geil“ seinen Preis hat. Besondere Beachtung verdient das Kapitel „Profite auf Kosten der Demokratie – Korruption und Lobbying“, in dem knapp und verständlich erklärt wird, wie Konzerne und auch unsere Regierungen Geschäfte miteinander machen und wie Organisationen wie die Welthandelsorganisation WTO die Demokratie zerstören. Im Kapitel "Handlungstipps" wird der Verbraucher direkt angesprochen. Er ist nicht machtlos und jeder kann individuell Verantwortung übernehmen. Die Autoren zeigen , dass die "Macht der Konzerne nur von den Konsumenten geborgt" ist. Einige Ansätze, wie man den Machenschaften der Großkonzerne entgegenwirken kann, werden hier geliefert. Es geht nicht darum die Konzerne zu bekämpfen, sondern sie in die Pflicht zu nehmen und sie an ihre Verantwortung zu erinnern. Die „Global Player“ werden an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen: ihrem Ruf. Denn dies ist die Achillesferse der Marken, deren Geschäftserfolg an ihrem positiven Image in der Öffentlichkeit hängt. Es geht nicht darum, dass die Globalisierung nicht auch im Dienste der Menschen stehen könnte und dass Konsum prinzipiell schlecht sei, aber wer wissen will, wie er im Kampf  gegen Ausbeutung, Zwangs- und Kinderarbeit, Vergiftung der Menschen und Lebensräume, Regierungserpressungen, bewaffnete Konflikte, Folter, Sklaverei, unerlaubte Medikamentenversuche, Diskriminierung, Tierquälerei, Umweltzerstörung und Verfolgung von Gewerkschaften, mithelfen kann, für den ist dieses Buch eine hervorragende Inspirationsquelle. Und keine Angst das Buch liefert nicht nur trockene Fakten und Zahlen, so führen uns die Autoren anhand zweier Beispiele vor Augen, wie leicht und auf welchen Wegen Korruption möglich ist, indem sie als getarnte Geschäftemacher aktiv wurden.

Den Bereich des Rechtes, des Staates und der Politik behandelt ein anderes Schwarzbuch nämlich das „Schwarzbuch USA“ von Eric Frey (Eichborn, 2004) dar. Hier wird am Beispiel des Staates USA, nicht an dem der Menschen dieses Landes,  gezeigt, welche negativen Konsequenzen ein Rechtsleben eines Nationalstaates hat, das in der Form des „gemischten Königs“ aus Goethes Märchen , tagtäglich in die Freiheit seiner Bürger eingreift und in dem Wirtschaftinteressen, Geld und Lobbying, die Wahlen und  die Politik zu einem grossen Teil bestimmen. Wie ist z.B. das Vorgeben im Namen von Menschenrechten, Freiheit und  Demokratie zu handeln, vereinbar mit dem Vorgehen gegen unbequeme linksgerichtete und nationalistische Regierungen, selbst wenn diese demokratisch gewählt wurden, mit Protektionismus trotz Freihandelsforderungen an Entwicklungsländer, mit militärischer Aufrüstung und Präventivkriegsdoktrin, mit rücksichtslosem Konsum und Zerstörung der Umwelt, mit dem Verfall des öffentlichen Raumes und fehlender sozialen Sicherheit, mit krasser Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Rassismus und Diskriminierung, mit dem extremen Sparen bei der Entwicklungshilfe, bei gleichzeitiger Grosszügigkeit bei Waffenlieferungen (0,7 % des Bruttoinlandproduktes der USA würde jährlich 20 Millionen Leben retten), mit Todesstrafen und einem unberechenbaren Justizsystem, mit unterlassener Hilfeleistung Verfolgter, mit Unilateralismus und Zerstörung der Weltordnung oder mit dem Angriff auf Bürgerrechte unter dem Terrorismusvorwand.
Und wieso zählen Rechte die man für sich beansprucht nicht auch für die restlichen Bewohner dieser Erde (Inländischer Verbot des Zigarettenrauchens bei gleichzeitiger Subventionierung des Tabakexportes z.B.)? „Das wollen wir immer, nicht wahr ? Gerechtigkeit für alle, aber Sonderrechte für uns“, hiess es ja schon im oben erwähnten Roman. Wer weiterhin an das Bild der noblen westlichen Demokratien glauben will, mit ihren selbst auferlegten hohen moralischen Ansprüchen, sollte um dieses Buch einen weiten Bogen machen, denn die Realität sieht einfach erschreckend anders aus! Das Buch ist Amerika-kritisch aber nicht polemisch und in den meisten Punkten handeln wir in Europa nicht viel anders, wie z.B. bei der Ausbeutung der dritten Welt (Abschottung unserer Märkte bei gleichzeitiger Übersubventionierung der Landwirtschaft, die immerhin 60% des EU-Haushaltes ausmacht) oder bei der Unterstützung totalitärer Regime wenn Milliardenaufträge für die europäische Wirtschaft winken.
„Wenn heute mit vollem Recht von der manipulierten Gesellschaft gesprochen wird, in der jeder einzelne wirklich ein Opfer ist von eigengesetzlich gewordenen Organisationen, die von wenigen Menschen beherrscht werden, und wenn die Frage aufgeworfen wird, wie sich dieser manipulierten Gesellschaft entziehen, so lautet die Antwort nicht: indem man diese gesamte Gesellschaft in die Luft sprengt. Veränderung ist nur möglich, indem Menschen zu Handelnden werden, die dieses Organisationsprinzip, das man nie mehr aus der Welt schaffen kann, bewusst in den Dienst einer anderen Dimension stellen für den anderen. Dann braucht nicht mehr die Rede zu sein von dem armen beherrschten Menschen, sondern dann können wir sprechen von dem freien Menschen, der das, was ihn bisher beherrschte, selbst beherrscht.  Und das ist möglich!“ (Karlfried Graf Dürckheim, Weg der Übung – Geschenk der Gnade, Bd. 1, Weitz Verlag, 1988, S. 131)
„Es gibt nur eine wirkliche Macht  auf diesem Planeten... das Volk,“ meinte John Fontanelli, der Billionenerbe. Eine Demokratie in der das Volk auch praktisch das Sagen hat, wenn es es so will, also eine echte direkte Demokratie als Lösung ?  Im März 2004 erschien in Luxemburg eine Publikation des „Institutes für integrale Praxis, mehr Demokratie und soziale Dreigliederung“ mit dem Titel „Demokratie am Anfang 21. Jahrhunderts in Luxemburg“ (www.demokratie.lu). Es geht um direkte Demokratie, die Demokratieinitiativen der Zivilgesellschaft (www.forumsocial.lu), um Dreigliederung und um Geld- und Steuerfragen (www.tauschkrees.lu), um die Verknüpfung von persönlichen und gesellschaftlichen Themen (www.mtk.lu/idee  ,  www.mtk.lu/erkenntnis ), aber auch um die Demokratie der Parteien und der Politiker. Zitiert wird etwa der Luxemburger Staatsminister J.-Cl. Juncker zur Entscheidungskultur an den EU-Regierungskonferenzen: „ Wir beschliessen etwas, stellen es dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nichts begreifen, was  da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ (1999 in der Zeitschrift „Der Spiegel“, (No52, S.136)  oder „(...) Selbst wir Premier- und Aussenminister- die ja leider nicht zu den Spitzenpädagogen des Kontinents gehören- streiten nur über Institutionelles, über die Stärke der Kommission und die Stimmengewichte im Rat. Das Inhaltliche bleibt auf der Strecke.“  (Dezember 2003 in einem Interview in „Die Zeit“).
Die Publikation schliesst folgendermassen: „Wir brauchen eine demokratische Erweiterung unserer Gesellschaftsordnung, die fundiert ist in einem neuen Menschen- und Gottesbild, und getragen wird von einem humanen, globalen Geld- und Wirtschaftssystem, dass allen Menschen weltweit dient. Die Voraussetzung für all das, ist allerdings die schwere Arbeit an uns selbst. Wir leben auf Kosten eines geistig „ungedeckten Schecks“ – vielleicht ein Zeichen unserer Zeit – wir fragen nicht mehr nach dem Sinn unseres Lebens und beachten nicht mehr den Zusammenhang unseres Seins mit dem ganzen Kosmos, obwohl wir als menschliche Wesen auch geistige Wesen sind, mit entsprechenden Bedürfnissen. Dem müssen wir in erster Linie Rechnung tragen. Darum müssen wir uns kümmern. Es ist der Weg nach innen zur Selbsterkenntnis, auf dem wir unsere tiefen emotionalen Verletzungen heilen müssen. Menschen, die über diesen Heilungsprozeß ihre tiefen inneren Werte erkennen können und dadurch sich selbst akzeptieren können, werden sich weder gegenseitig noch ihre Umwelt zerstören. Dieses erweiterte Bewußtsein ermöglicht es uns eine Basis zu schaffen, auf der wir aus unserem inneren Bedürfnis heraus Mitverantwortung übernehmen. Wir müssen unsere eigenen inneren Fähigkeiten entfalten, damit es zur Verwirklichung eines friedlichen Miteinanderlebens der Menschen  in der ganzen Welt kommen kann.“  Eine Lösung wird die direkte Demokratie dann sein, wenn sich jeder Einzelne dieser globalen Verantwortung bewusst wird und individuell danach handelt.
 
Der „gemischte Koenig“ aus Goethes Maerchen muss sowohl auf gesellschaftlicher Basis, wo er „das Reich der jetzigen Welt darstellt“, wie auch auf individueller Basis zum Schmelzen gebracht werden, denn „in diesem vierten König stellt uns Goethe den Repräsentanten für diejenige menschliche Entwicklungsstufe hin, in welcher Wille, Vorstellungsvermögen und Empfindungsvermögen gemischt sind. Er ist mit anderen Worten derjenige Repräsentant der menschlichen Seele, die von Wille, Vorstellung und Gefühl beherrscht wird, weil er selbst nicht Herr über diese drei Vermögen ist.“ Die Lösung des Rätsels in Goethes Märchen lautet: „Ich will mich hinopfern, ich will mein Selbst durch Selbstlosigkeit läutern.“ (Rudolf Steiner: Goethes geheime Offenbarung in seinem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, Rudolf Steiner Verlag ,1999, S.106f. und S.242)