Vom „CIEP-SPLAFA“- zum „ONE-SEFIA“-Zeitalter
Gespräch zwischen Robert Theisen und Alfred Groff 

RT: Mit der „Loi relatif à l’aide à l’enfance et à la famille“ , würde, so der Berichterstatter der Kommission für Familie, Chancengleichheit und der Jugend Jean-Paul Schaaf, ein Paradigmenwechsel im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe eingeleitet. Zugleich sollte ein Amt geschaffen werden, das Prävention, Mediation und Koordination als Priorität der Sozialarbeit betrachtet. Soziale und juristische Aspekte sollen im Interesse der Familien durch das Gesetz verstärkt miteinander in Verbindung gebracht werden. Welche Erkenntnisse hast du im Rückblick auf deine Tätigkeit beim „Centre d’Information et de Placement (CIEP)“?

AG: Einen Paradigmenwechsel erkenne ich insofern nicht, da alle genannten Punkte in Luxemburg bereits gewährleistet waren. In den Jahren 1975 bis 19913 waren ja der CIEP in Zusammenarbeit u.a. mit dem Service de Placement Familial (SPLAFA), zwei vom Familienministerium konventionierte Beratungsstellen, mit dem Service de la Protection de la Jeunesse für die genannten Aufgaben zuständig. Heutzutage glaubt man so was gäbe es anscheinend nur im Ausland.

RT:  Welche Zielsetzungen verfolgte das CIEP?

AG: Zunächst einmal die Koordination aller Heimeinweisungen, dann die Prävention, das heißt die Suche nach Lösungen um eine Heimeinweisung noch vermeiden zu können. Das konnten Tagesplatzierungen, familiäre Lösungen, Beratung und Unterstützung auf verschiedenen Ebenen sein.   Mediationsgespräche spielten eine wichtige Rolle. Also es wurden regelmäßig Gespräche mit allen Betroffenen geführt, insbesondere mit betroffenen Jugendlichen selbst. Der CIEP war eine der ersten Dienststellen, die eine ambulante sozialpädagogische Betreuung anbot. Besonders bei kleinen Kindern war die Komplementarität zum SPLAFA sehr wichtig, wie du Dich sicher erinnerst.

RT:: Zu diesem Zeitpunkt bestand die Aufgabe des SPLAFA  im Rahmen einer beratenden und begleitenden Tätigkeit, Kindern und ihren Familien eine Lösung anzubieten, die ihrer Problematik entsprach. Wir beschränkten uns deshalb nicht nur auf Leistungen, die wir aufgrund unserer Tätigkeit als Pflegeamt direkt selbst  durchführten. Vielmehr sollten alle Lösungen, welche das soziale Netzwerk des Landes zu diesem Zeitpunkt anbot, im Hinblick auf eine angemessene Betreuung in Betracht gezogen werden. Unsere interne Vorgehensweise beschränkte sich also nicht darauf, festzustellen, ob eine Pflegefamilie für ein Kind gefunden werden konnte. Unabhängig von einer Betreuungslösung wurde vorab eine Diagnose erstellt. Stellte sich dann heraus, dass eine Fremdplatzierung des Kindes unausweichlich war, gab es zwei Möglichkeiten: die Heimbetreuung oder aber die Aufnahme in eine Pflegefamilie. Ein erstes Sondierungsgespräch mit dem CIEP stellte dann die Weichen ob ein gemeinsamer Kontakt mit den Eltern aufgenommen werden sollte.

„Die Platzierungen über gerichtliche Instanzen machten weniger als die Hälfte der Heimplatzierungen aus, heute sind es fast alle.“

AG: Auch die praktische Zusammenarbeit mit dem Service de la Protection de la Jeunesse war alltäglich und funktionierte recht gut. Zwischen Protection und Jugendgericht gab es eher Differenzen, im Hinblick auf sozialen und juristischen Aspekten innerhalb der Justiz. Die Platzierungen über gerichtliche Instanzen machten weniger als die Hälfte der Heimplatzierungen aus, heute sind es fast alle.

RT: Was waren die wichtigsten Erfolge der Arbeit des CIEP?

AG: Eindeutig der Fakt, dass nur 30%, genau 848 von 2862 Anfragen zwischen 1982 und 1991, der Heimanfragen zu Heimeinweisungen führten, und von diesen  nur ein Bruchteil übers Gericht. Die bei der Commission Nationale d’Arbitrage en matière de Placements (CNAP), das Nachfolgesekretariat des CIEP, führten fast ausnahmslos zu Heimeinweisungen. Und dabei wurde versucht möglichst schnell zu platzieren. Beim CIEP wurde eher die gegenteilige Philosophie angewandt, das hieß abwarten in welche Richtung sich die Problematik entwickelte, mehr Informationen einholen, Selbsthilfekräfte aktivieren, Gespräche führen, Alternativen suchen. Der SEFIA arbeitet doch heute noch so, oder?

RT: Das Team aus Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern sucht Kindertagesbetreuung für Eltern, die sich in schwierigen psychosozialen Situationen befinden.  Bei den Aufnahmegesprächen wird eine Klärung der familiären Situation angestrebt. Das beratende Einstiegsgespräch bietet Eltern, die keine adäquate Betreuungslösung finden, eine gezielte fachliche Begleitung. Das Angebot an sozialen Dienstleistungen ist meist sehr komplex und besonders für Eltern in Notsituationen ist es oft schwierig, die jeweils passende Lösung selbst zu finden. Betreut und begleitet werden Familien, die einer psychosozialen Unterstützung bedürfen. Grundvoraussetzung für die Intervention ist die Bereitschaft zu enger Kooperation. Durch die Zusammenarbeit mit anderen sozialen Diensten sollen die familiären Kompetenzen gestärkt werden. Der regelmäßige Kontakt zu den Hauptbezugspersonen des Kindes erlaubt eine kindgerechte und sichere  Betreuungsstabilität

AG: Positiv war damals auch das multidisziplinäre Team des CIEP, das aus einem Psychologen, zwei Sozialarbeitern und einem Erzieher bestand. Gelegentlich wurde dann noch ein  Arzt oder Jurist  zu Rate genommen. Diese Zwischenstelle zwischen Sozialbereich, Justiz und den Heimen wurde in den Jahren nach der Auflösung des CIEP von vielen bitter vermisst. Viele der damaligen Zielsetzungen werden u.a. durch den „Office national de l’enfance (ONE)“ wieder angestrebt. Leider wurde seit 1991 kostbare Zeit verloren, während der man den betreffenden Bereich hätte weiterentwickeln können. Jetzt muss wieder bei Null gestartet werden. Wie entwickelte sich denn eigentlich der SPLAFA weiter?

RT: Ohne im Detail auf die Entwicklung des SPLAFA einzugehen, gab es doch zwei grundlegende Tendenzen. Es war wichtig, dass sich das Amt davon entfernte Vollzeitpflege und Tagesbetreuung in einer einzigen Struktur anzubieten. Unter diesem Gesichtspunkt war die Weiterentwicklung hin zu zwei Teams mit Kompetenzen in beiden Bereichen zwangsläufig. Obwohl es häufig ähnliche Ansatzpunkte hinsichtlich Diagnostik und Entwicklung von Hilfeplänen gibt, war es auch wichtig sowohl denEltern und den sozialen Einrichtungen die klare Botschaft zu vermitteln, dass wir verstärkt mit den Ressourcen sowohl der Eltern als auch der Pflegefamilien arbeiten um die Vollzeitpflege dann zu vermeiden, wenn andere angemessene Lösungen bestehen. Zum anderen war es wichtig, dass in Bezug auf die gestiegene Komplexität der Tagesbetreuung, ein Team über die fachlichen Kompetenzen verfügt, das der Problematik von Fremdplatzierung gerecht wird und somit in der Lage ist,  t sinnvolle Lösungen vorzuschlagen.

AG: Und wie haben sich die Problematiken der Betroffenen entwickelt?

RT: Bei den Anfragen zeigt sich ein breites Spektrum von schwierigen Lebenssituationen als Indikation für die Betreuung wie bspw. belastende Trennung vom Partner, Überforderung bei der Erziehung, Gefährdung der Kinder durch das Verhalten der Sorgeberechtigten (Verdacht auf Misshandlung oder Missbrauch, emotionale Vernachlässigung), Entwicklungsschwierigkeiten der Kinder, Verhaltensauffälligkeiten etc.

AG: Und worin siehst du die wichtigsten Ansätze des SEFIA (Accueil et accompagnement familial) heute?

„Im Mittelpunkt stehen die Stärkung der persönlichen Ressourcen um Vollzeitpflege zu vermeiden“

RT: Das Hauptaugenmerk beschränkt sich nicht auf die Suche nach Betreuungslösungen, sondern konzentriert sich darauf, die Familie in ihrer gesamten Problematik zu unterstützen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Stärkung der persönlichen Ressourcen um Vollzeitpflege zu vermeiden, aber auch das Erkennen von besonders belastenden kindlichen Erfahrungen. Diese Interventionsform findet ihre konzeptionelle und theoretische Basis in entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Interventionen müssen mit dem Jugendschutzgesetz vom 10. August 1991 in Einklang gebracht werden. Besteht Gefahr für das physische oder psychische Wohl des Kindes, kann das Jugendgericht Betreuungs- oder Erziehungsmaßnahmen anordnen.
Internationale Studien weisen darauf hin, dass nicht die gewählte Betreuungsform allein über Entwicklungschancen eines Kindes entscheidet. Ob sich ein Kind psychisch gesund entwickelt, hinge vielmehr von der Qualität der Betreuung, aber auch von Familienfaktoren ab. Es bestehe somit eine Interaktion von familiären und außerfamiliären Einflussgrößen. Somit ist es offensichtlich, dass wir uns nicht nur darum bemühen besonders geeignete Pflegefamilien zu finden, weiterzubilden und zu begleiten sondern die Ressourcen der Eltern zu stärken. Ohne diese Arbeit können nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Kinder mittel- und langfristig bei ihren Eltern aufwachsen.

AG: Was möchtest du zur „Loi relative à l’aide à l’enfance et à la famille“ sagen? Was wird besser werden und wo liegen deiner Meinung nach die Schwierigkeiten?

RT: Jede Neuerung verursacht Verunsicherung, sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Mitarbeiter(innen) der sozialen Einrichtungen. Zumeist halten sich irrationale und rationale Erwägungen die Waage. Nach ersten, teilweise emotionalen Reaktionen, scheint mir, dass alle Beteiligten es sich zum Ziel gesetzt haben, inhaltlich zu argumentieren. Vorbildlich ist dabei der intensive Austausch mit den Verantwortlichen im Familienministerium, die kontinuierlich die Mitarbeiter(innen) der sozialen Einrichtungen zu den Entwicklungen informieren und sich professionelle Rückmeldung erwarten. Im Vordergrund der Überlegungen steht selbstverständlich die Vermeidung von unnötigem administrativem Aufwand und die überflüssige Erstellung von Mehrfachdiagnosen, welche die betroffenen Familien unnötig belasten.  Äusserst positiv ist der Ansatz, das Angebot einzelner Einrichtungen nicht als die einzig  adäquate Antwort zu betrachten, sondern die Gesamtheit der Angebote daraufhin zu prüfen,  inwiefern diese für den Antragssteller (Familie oder Kind) eine  geeignete Lösung bieten. Dieses ist eine konsequente Weiterentwicklung der Idee, dass das soziale Netzwerk im Dienste der Familien steht und nicht umgekehrt. Mit dem ONE sollte das Risiko verringert werden, dass die Dienststelle bei der einen Antrag gestellt wird  automatisch die Betreuung übernimmt, obwohl andere Angeboteangemessener wären. Die neu geschaffenen Koordinatoren sollen der Garant dafür sein, dass zum einen Familien eine Unterstützung erhalten und mittels  der gebündelten Kompetenzen die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass eine optimale  Lösung gewährleistet wird. Weiterhin soll durch eine regelmäßige, unabhängige Evaluation gesichert werden, dass sich Fremdbetreuungen nicht verselbständigen, sondern sich auf ihre Angemessenheit bewerten lassen.